Dez 142011
 

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Alcatraz

Henrik, mein Neffe, besuchte vor wenigen Wochen die Gefangeneninsel Alcatrez. Seit dem Klassiker Escape from Alcatrez mit Clint Eastwood in der Hauptrolle, ist Einzelhaft, abgeschnitten von sozialen Kontakten, alleine und isoliert zu sein, für viele die ultimative Bestrafung. Doch nicht Gitterstäbe isolieren.  Hochbegabung oder Behinderung, beides kann Betroffenen wie ein Isolationsgefängnis vorkommen.

Umgang Hochbegabung

Meine Mitschülerin Christina, die einen Jahrgang übersprang, war sicher hochbegabt, auch wenn keiner in den achtziger Jahren dieses Wort aussprach. Eher wurde hinter vorgehaltener Hand über das arme Kind getuschelt. Trimmten die Eltern sie nicht auf Leistung? Was war das nur für ein ungesundes Elitedenken! Dem Mädchen wurde doch die Kindheit geraubt. Und jetzt hatte das stille Kind auch keine Freunde mehr. Bedauernswerte Christina!

Ob man ihr gerecht wurde, ist schwer zu sagen. Hochbegabte Kinder wie Christina fühlen sich oft übersehen und nicht verstanden. Wut und Ohnmacht zeigt sich, wenn sie das Lernen verweigern, nur um in der sozialen Liga der Klasse mitzuspielen. Andere werden verhaltensauffällig, weil sie isoliert sind und nicht ihr menschliches Potential ausleben können. Wie alle wollen sie doch einfach sie selbst sein.

Hochbegabung in Deutschland

Über Hochbegabung wird gesprochen. Zumindest in Deutschland, während in meiner Wahlheimat Dänemark immer noch das vom Autor Aksel Sandemose umschriebene Gesetz Jantelov herrscht. Dieses beschreibt mit zehn Geboten den kulturellen und politischen Umgangscode. Wage es nicht, dich über andere zu erhöhen. Stell dich niemals klüger und besser als andere dar. Noch heute gibt es hier die Einheitsschule mit allen Vor- und Nachteilen bis zur 9. Klasse.

Hochbegabung oder Behinderung

Was macht man mit Kindern, die unterfordert sind? Hochbegabte brauchen wie Behinderte – auf Dänisch heißen sie „entwicklungsgehemmte Menschen“ – eine individuelle Stütze, um das Leben ausschöpfen zu können. Menschen mit einer Behinderung haben Anspruch auf Pflege, bekommen Hilfsmittel wie Rollstühle oder Krücken bereitgestellt. Hochbegabte dagegen werden in ihrem menschlichen Potential beschränkt, und von der Gesellschaft „behindert“. Das drängt sich die Frage auf, wer die besseren Karten gezogen hat? Der Behinderte oder der Hochbegabte?

Würde des Menschen

Natürlich ist die Würde eines Menschen nicht abhängig von seinen Leistungen – das will Mensa ja auch gar nicht erzählen! Zum Menschsein gehören auch soziale Intelligenz und Empathie, aber halt, ich sage nicht, dass das eine das andere ausschließt. Vielmehr schließen wir Menschen aus unserer Mitte aus, wenn unsere Gesellschaft nicht auf deren Bedürfnisse achtet. Und die sind individuell.

Schwerhörigkeit als Kind

Für mich war das Thema Hochbegabung nie aktuell. Ich habe mit anderen Hürden auf meinem Lebensweg gekämpft. Als schwerhöriges Kind, welches in der Welt der Hörenden navigieren musste, hatte ich genug damit zu tun, zu überleben – so wie hochbegabte Kinder, aber mit meiner Behinderung.  Hochbegabung und Behinderung ähneln sich. Und die Überlebensstrategien sind vergleichbar.

Meine war einfach. Ich wollte dazu gehören. Also musste ich beweisen, dass ich auch mit fehlenden Tönen und Lauten Musik machen konnte. Kinder sind Überlebenskünstler.

Kaum vorstellbar, aber damals war die Glotze noch eine neumodische Errungenschaft, und nach dem Abendessen kauerte Deutschland vor dem Hausaltar. Ich langweilte mich, denn ich konnte nicht vom Mund der Schauspieler ablesen; entweder, weil die Filme synchronisiert waren oder die Kamera nicht auf den Mund des Sprechers fokussierte.

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie oft bei der Tagesschau Bilder vom Ort des Unglücks gezeigt werden, während der Sprecher gleichzeitig darüber zu berichtet? Ein Ding der Unmöglichkeit für Hörbehinderte, die vom Mund ablesen.

Bücher retteten mich aus meiner Isolation. Ich las alles und überall. Je dicker das Buch, umso besser. Während andere Kinder spielten oder vor der Flimmerkiste hockten, verschlang ich Klassiker und dicke Wälzer.  Ich lernte die Wörter anhand des Kontextes, eignete mir die korrekte Sprache, moderne Slangausdrücke und umgangssprachliche Wendungen an. Also war der Landstreicher kein Anstreicher und Töllerei keine Döllerei, das Kopfsteinpflaster kein Kropfsteinpflaster….Romane waren für mich das Tor zur Welt der Hörenden. Sie waren meine Freunde, denn abgesehen von meinen Romanfiguren fühlte ich mich oft isoliert. Nicht, dass ich kein soziales Netzwerk hatte.

Im Gegenteil, oft fühlte ich mich ausgeschlossen. Allein zu sein ist wirklich nicht das schlimmste Schicksal. Grausamer ist es, unter fröhlichen Menschen nicht zu wissen, worüber sie sich unterhalten oder warum sie lachen. Allein in einer Gruppe zu sein ist die ärgste Einzelhaft. Die ist nicht nur Straftätern vorbehalten, sondern auch das Schicksal Hochbegabter und Behinderter. Isoliert, ohne Gitterstäbe, unter Normalos….oder wie war das noch?

Das Jantegesetz, aufgestellt in 10 Geboten.

  1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.
  2. Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.
  3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
  4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
  5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
  6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
  7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
  8. Du sollst nicht über uns lachen.
  9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
  10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Manon Garcia - Autorin und Coach

Diplom-Ingenieurin Manon Garcia arbeitet als Autorin und Coach. Seit Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der (spät erkannten) Hochbegabung, der Hochsensibilität und dem Anderssein. Aktuelle Informationen finden Sie auf ihrer Website: www.manongarcia.de. Aktuelle Ratgeber zu den Themen: - Hochbegabung bei Erwachsenen - Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben.

  4 Responses to “Gastbeitrag: Hochbegabung, Behinderung und Alcatraz von Eva Maria Nielsen”

  1. Ein sehr interessanter Beitrag, der mir einen groben Einblick, in eine mir unbekannte Welt verschafft. Womit mir auffällt, dass es mehrere Gruppen gibt, die es sich lohnt zu entdecken.

    Vielen Dank für diesen Einblick!

  2. Ein sehr interessanter Artikel, Eva-Maria. Die Ähnlichkeiten zwischen der Situation Hochbegabter und Behinderter sind frappierend, und doch sind sie mir noch nie aufgefallen.

    Aber was ist denn das für ein furchtbares Gesetz? „Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst“! Heißt es nicht immer, man solle Kinder ermutigen, weil sie sonst irgendwann an das Negativbild glauben, das man ihnen vermittelt? Das entspricht so gar nicht meinem Dänemarkbild.

  3. Hallo Daniela.

    Doch das Gesetz „gilt“ noch, aber es wird langsam durchlöchert. Durch internationale Einsätze hat sich das Selbstbild der Dänen sehr zum Positiven verbessert. Aber lange war „Jantelov“ massgebend.
    Du kannst es aber auch positiv sehen. Hier werden Kinder noch nicht im frühen Alter schulmässig festgelegt. Alle gehen durch die Gesamtschule und erst dann fängt die Differenzierung an. Der Vorteil ist, dass man auch als Erwachsener noch mal von vorne anfangen kann, wenn man die Schulzeit verbummelt hat. Einkommensunterschiede sind auch nicht so gravierend – natürlich gibt es Menschen, die sehr viel verdienen, aber ich denke an den normalen Dänen.
    Doch was die Schule angeht, da macht man gar nicht gerne Unterschiede.

    Eva Maria

  4. […] Eva Maria Nielsen schreibt über Hochbegabung, Schwerhörigkeit, Isolation: Hochbegabung, Behinderung und Alcatraz […]

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