1.1 Gruppen

 
Buchcover vom Ratgeber: Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben von Manon Garcia

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Gruppen


Menschen haben das Bedürfnis, sich mit anderen Menschen zusammenzufinden. Das beeinflusst uns und führt zu Gruppenbildung. Maslow unterscheidet die physiologischen Bedürfnisse sowie die Bedürfnisse Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung und Selbstverwirklichung. Weil Menschen sozial sind, nehmen sie mit anderen Menschen Kontakt auf bzw. suchen die Gesellschaft anderer. Das Bedürfnis nach Wertschätzung, nach Selbstwert- und Fremdwertschätzung, lässt den Menschen nach Anerkennung streben. Im Falle der Selbstwertschätzung kommt sie von einem selbst, im Falle der Fremdwertschätzung von anderen Personen oder Gruppen.

Familie, Freunde, Schulklasse, Abteilungen in Firmen, Partnerschaft usw. sind Gruppen. Manche Gruppen sind nicht immer klar zu erkennen. Beim Public Viewing der Fußballweltmeisterschaft versammelt sich eine Gruppe fußballbegeisterter Menschen, die gemeinsam Fußball schauen wollen. Diese Gruppe ist bewusst und freiwillig gewählt. Manchmal führen auch bestimmte Eigenschaften zur Gruppenbildung, auf der einen Seite zum Beispiel Kinder, die gut in der Schule sind, auf der anderen Seite Kinder, die in der Schule nicht so gut sind. Solche Gruppen bilden sich automatisch, aufgrund eines Verhaltens oder einer Eigenschaft. Sich in Gruppen zu bewegen ist menschlich, es ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Soziale Normen und Rollen, die sich daraus ergeben, zeigen sich darin, dass zum Beispiel zu einer Abendgala ein anders Verhalten gezeigt wird als bei einem Besuch des Schwimmbades. Bei der Arbeit verhält man sich anders als zu Hause. Das sind alles verschiedene Rollen, die jeder einnimmt, die aber auch erwartet werden.

Eine Gruppe bietet Zusammengehörigkeitsgefühl, ein „Wir-Gefühl“, das unser Bedürfnis nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung befriedigen kann. Im Zuge der Gruppenzugehörigkeit wird auch das Ich-Gefühl gestärkt. Besitzt eine Person wenig Selbstwertgefühl, wird sie umso stärker danach streben, in einer Gruppe zu bleiben oder hineinzukommen.

Eine Gruppe definiert sich durch ein Zugehörigkeitsgefühl, eine soziale Struktur, geteilte Normen oder Interaktionsmöglichkeiten. Fühlt sich eine Person als Mitglied einer Gruppe, akzeptiert sie die Rollenverteilung und die Normen, die für das Verhalten von Mitgliedern gelten. Hält sich ein Mitglied nicht an das gewünschte Verhalten, widersetzt sich der Gruppe, kann das zum Ausschluss aus der Gruppe führen, da den Gruppenmitgliedern dieses Verhalten mitunter sehr wichtig ist. Durch das Widersetzen torpediert das Mitglied die Gruppe, die dadurch womöglich ins Wanken gerät. Wer nicht ausgeschlossen werden will, passt sich an.

Auch wenn einem selbst Besonderheiten, Eigenarten oder ein Anderssein nicht auffallen, so fällt es manchen Gruppenmitgliedern auf. Wer sich einer Gruppe zugehörig fühlt und durch diese sein Selbstwertgefühl aufbaut, schaut sehr genau, ob andere zur Gruppe gehören oder nicht, er will die Gruppe „schützen“. Grenzt er sich zu anderen Personen oder anderen Gruppen ab, steigert er sein Selbstbewusstsein. Deshalb schaut er vor allem, wer dazugehört und wer nicht. Beobachtet er bei einer Person Merkmale, die anders sind, lässt er das diese Person mehr oder weniger subtil oder offen spüren.

Jede Gruppe pflegt Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten und schaut bei fremden Gruppen nach Unterschieden und Differenzen. So suchen Nicht-Hochbegabte bei Hochbegabten und Nicht-Hochsensible bei Hochsensiblen nicht nach Gemeinsamkeiten, sondern danach, was sie anders machen und was sie aus der Gruppe ausschließt. Diese Punkte werden stigmatisiert. Das passiert oftmals unbewusst und mechanisch, ist häufig keine böse Absicht. Auch ist den meisten Menschen nicht bewusst, was sie mit diesem Verhalten bezwecken bzw. bewirken.

Eine Gruppenzugehörigkeit oder Gruppentrennung ist nicht immer deutlich erkennbar. Es ist durchaus nicht allen Personen bewusst, ob sie einer Gruppe angehören und wie sie handeln. Die Verhaltensweisen oder Handlungen einer Gruppe sind selten offen, sie laufen subtil und unscheinbar ab. Oft hat man als Anhaltspunkt lediglich ein „komisches“ Gefühl oder ein Empfinden, das man einfach nicht zuordnen kann. Das Wissen dieser Mechanismen in Gruppen ist wichtig, um Situationen einzuordnen, zu analysieren und eigene Schlüsse zu ziehen. Wer die Mechanismen erkennt, findet für sich leichter Lösungen.

Sind Sie anders, gehören Sie aufgrund bestimmter Eigenschaften einer Minderheit, einer Minorität an. Einer sozialen Minorität. Das müssen Sie nicht unbedingt selbst so sehen, sieht die Mehrheit es jedoch so, ist es für sie so, entsprechend verhalten sie sich dann auch gegenüber anderen. Wer bei vielen Gruppen nicht dazuzählt, nimmt eine Außenseiterrolle ein. Will eine Person diese Rolle nicht, kann sie sich anpassen, funktionieren, verstellen. Die Person schaut bei denen, die zur Mehrheit gehören, ab, was sie braucht, um zu der Gruppe dazuzugehören. Hochbegabte, genauso wie Hochsensible, haben oftmals „Antennen“, mit denen sie Verhaltensweisen oder Eigenschaften erkennen, um in einer Gruppe akzeptiert zu werden. Die andere Möglichkeit ist, sich mit der Außenseiterrolle abzufinden. Denn auch Minoritäten sind Gruppen.

Die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen ist unterschiedlich wichtig für einen Menschen. Manche Gruppen spielen eine elementare Rolle, wie Familie, enge Freunde, Bezugspersonen oder Klassenverband. Erkennen diese Gruppen nicht, wer Sie sind oder akzeptieren Sie die Gruppenregeln nicht und lehnen sich dagegen auf, werden Sie ausgeschlossen, weil Sie anders sind. Teilen Sie die sozialen Normen oder Skripte nicht, haben Sie oftmals keine Wahl. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist Anpassen und Funktionieren. Ein soziales Skript legt bestimmte Verhaltensweisen fest. Zum Beispiel ziehen Sie in einem Restaurant Ihre Jacke aus, setzen sich an einen freien Tisch bzw. lassen sich vom Ober zu einem geleiten. Sie fragen nach der Speisekarte und bestellen zuerst die Getränke. Dieser Ablauf ist ein soziales Skript.

Durch soziale Skripte und Normen werden wir sozialisiert, sie wirken sich auf die Entwicklung des Menschen aus. Sie vermitteln, wie „man“ sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Diese sozialen Skripte beziehen sich auf das individuelle Wissen eines jeden Menschen. Soziale Normen hingegen werden durch Autoritäten vermittelt und somit sozial geteilt, sei es durch die Eltern, Lehrer oder andere wichtige Personen im Leben. Soziale Normen besagen, welches Verhalten in bestimmten Situationen erwartet oder als angemessen empfunden wird. Damit werden Rahmenbedingungen festgelegt, die den Menschen prägen. Weicht ein Mensch von diesen Normen ab oder kann diese Vorschriften nicht nachvollziehen, weil er anders ist, stellt er sich gegen ein ganzes System, gegen sein Umfeld, das ihn dann nicht selten als unangepasst, aufmüpfig, widerspenstig, frech usw. bezeichnet. Menschen, die diese sozialen Normen vermitteln und davon ausgehen, dass das der einzige und richtige Weg ist, verstehen es nicht, wenn sich jemand dagegen aufbäumt, sie versuchen, diese Normen einzufordern und die Personen (mitunter gewaltsam) einzugliedern. Soziale Normen gelten für alle, nur wenn man sie befolgt, besteht man in der Gesellschaft, so die Auffassung der Eltern, der Erzieherinnen/Erzieher, der Lehrpersonen, also der vermittelnden Autoritäten.

Bei diesem „guten“ Ansatz wird ignoriert, dass ein Mensch, der sich verbiegt oder gebrochen wird, um den sozialen Normen und Skripten zu entsprechen, in dieser Gesellschaft nicht lange bestehen kann und wird. Die Folgen dieser Erziehung, Einflussnahme und Manipulation werden sich melden. Aber wie kann ein verbogener oder gebrochener Mensch, der durch die Autoritäten in soziale Normen gepresst wurde und unter Umständen in der Gesellschaft scheiterte, seinen Weg finden? Jeder Erwachsene kann Dinge für sich geraderücken und sich einen eigenen Weg suchen. Sie sind gerade mitten in diesem Prozess.

Wird man aus einer Gruppe ausgeschlossen, verdrängt man oft oder projiziert etwas Eigenes auf andere. Indem man von sich selbst ablenkt, verhindert man unter Umständen, dass man sich seine eigene Lage bewusstmacht. Man verdrängt, was die Ausgrenzung oder Nicht-Zugehörigkeit bedeutet, redet sich sein Leben schön, stellt positive Aspekte in den Vordergrund und erfreut sich daran. Das Verdrängen ist allerdings nur kurzfristig eine Lösung. Zwar ist einem etwas nicht mehr bewusst, wenn man es erfolgreich verdrängt, aber es ist im Unterbewussten und wirkt dort fleißig vor sich hin, hat eine große Macht und Einfluss, die nun unbemerkt (unbewusst) abläuft.

Auch mittels Projektion versuchen manche sich von ihren Ängsten zu befreien. Indem man anderen das unterstellt, woran man selbst leidet, fühlt man sich besser. Findet man genug Dinge, die man den anderen zuschreiben kann, fühlt man sich selbst stark und sicher. Allerdings ist auch das Projizieren nur scheinbar positiv, auch das wirkt nach. Da das, was man anderen zuschreibt, zu einem selbst gehört, beschimpft man sich quasi (unbewusst) selbst. Man gesteht sich (unbewusst) nicht ein, dass man genauso ist. Auch hier wirken die Prozesse weiter und beeinflussen massiv das Leben, allerdings auf einer unbewussten Ebene, auf die man nicht direkt oder nur erschwert zugreifen kann. Beide Varianten, Verdrängung und Projektion, führen nur scheinbar zu einer Erleichterung.

Findet die ausgeschlossene Person keinen Halt in anderen Gruppen oder durch eine Bezugsperson, kann die Stigmatisierung nicht aufgefangen werden, was unter Umständen irgendwann zu einem Zustand des nackten Überlebens führt. Ausgegrenztwerden greift die Persönlichkeit und die innere Stärke an. Die Person hat die Wahl zwischen unverstanden sein und nicht gemocht werden oder anpassen und funktionieren. Passt sie sich an und schließt sich an eine Gruppe an, achtet sie (unbewusst) peinlich genau darauf, nicht aufzufallen, beispielsweise bemüht sie sich als Hochbegabter in einer Nicht-Hochbegabten-Gruppe auch als Nicht-Hochbegabter bzw. als Hochsensibler in einer Nicht-Hochsensiblen-Gruppe als Nicht-Hochsensibler wahrgenommen zu werden. Die Person versteckt ihre Eigenschaften, ihre Charaktermerkmale. Das kann allerdings genauso viele negative Wirkungen nach sich ziehen, als wäre sie Außenseiter geblieben.

Sind Sie Außenseiter, werden bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt, was sich in einer fehlenden Identität, einem mangelnden Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstliebe oder in körperlichen Beschwerden äußert. Kompensationsstrategien wirken diesen negativen Begleiterscheinungen entgegen.

Wie kann man sonst mit der Ausgrenzung, dem Anderssein umgehen? Natürlich steht an oberster Stelle die Stärkung von Selbstbewusstsein, Selbstwert und Selbstliebe. Zudem hilft es, sich diese Mechanismen und Wirkweisen bewusst zu machen. Negative Gefühle lassen sich mit Kreativität oder Sport ausgleichen. Wer sich von innen aufbaut, stark und selbstbewusst ist, findet es zwar schade, wenn er ausgeschlossen wird, aber er zerbricht nicht mehr daran, es hinterlässt nicht mehr diese tiefen Spuren oder Wunden.

Kreativ zu sein kann wie ein Ventil wirken, es fängt Ängste und Sorgen auf, wirkt sich positiv auf die Psyche und das Selbstwertgefühl aus. Wer es schafft, die negativen Gefühle umzuwandeln, indem er etwas Kreatives erschafft, der lässt los und holt sich auf einer anderen Ebene seine Anerkennung. Dabei können sich auch neue Gruppen ergeben, zu denen man sich zugehörig fühlt und in denen man sich austauscht. Auf diese Weise seine Ängste und Sorgen zu verarbeiten fördert das Selbstwertgefühl. Man verdrängt oder projiziert nicht, man verbiegt sich nicht oder verheimlicht nichts, sondern wandelt die Energie um, schafft sich neue Welten und erschließt sich neue Gruppen. Indem das Selbstwertgefühl wächst, kommt man auch mit der Ausgrenzung oder Nicht-Gruppenzugehörigkeit besser zurecht.

Das Selbstwertgefühl wächst auch durch die Zugehörigkeit zu einer „erschlichenen“ Gruppe, aber es ist ein fragiles Gerüst, das jederzeit einstürzen kann. Diese unsichere Basis und die Angst, als „Anderer“ entdeckt zu werden, höhlt einen von innen aus, lässt einen jedoch nach außen stark erscheinen. Diese Ambivalenz zwischen dem unsicheren Inneren und dem starken Außen zeigt sich im Verhalten. Die Unsicherheit sucht sich ein Ventil, sie offenbart sich in Mimik und Gestik. Diese werden zwar wahrgenommen, mitunter aber anders gedeutet. So erscheint man widersprüchlich oder sogar arrogant.

Möchten Sie sich nicht verstellen, haben Sie die Wahl zwischen Außenseiterrolle oder der Suche nach einer geeigneten Gruppe. Finden Sie eine Minderheiten-Gruppe, kann diese Halt geben und Sie auffangen. Sie sind froh, so zu sein, wie Sie sind, und das überwiegt die Stigmatisierung, die mitunter von der Mehrheit ausgeht. Beispielsweise kann eine unsportliche gute Schülerin mit Brille sich mit einer anderen unsportlichen guten Schülerin zusammentun und so die Ausgrenzung durch die anderen Schüler auffangen.

Sie können sich weiteren anderen Gruppen anschließen, beispielsweise Gruppen, in denen Kreativität, logisches Denken oder eine Spezialdisziplin selbstverständlich ist, egal, ob die Gruppe zu einer Minderheit oder zur Mehrheit zählt. Möglich sind auch Gruppen nach Eigenschaften, ohne dass es eine Minderheit sein muss: Mutter-Kind-Gruppen, Sportvereine, Fans von Bands, Fernsehfilmen oder Mannschaften. So können Sie sich einer Mehrheit anschließen, die Ihre Normen teilt. Die anderen Eigenschaften, die ansonsten unter Umständen für einen Ausschluss aus einer Gruppe sorgen, werden in diesem Umfeld nicht beachtet, es stehen andere Dinge im Mittelpunkt: beim gemeinsamen Lästern über einen Moderator, beim Austausch über das Baby usw.

 

Abriss

Gruppenzugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Es wirkt sich auf verschiedenen Ebenen aus und stärkt bzw. prägt die Identität und das Selbstwertgefühl. Das Anderssein unterbindet oftmals diese Zugehörigkeit. Hier gilt es Strategien zu entwickeln.


Dieses Kapitel ist aus dem Ratgeber „Hochbegabt oder hochsensibel – Das Anderssein leben“ eine Anleitung zum Selbstcoaching für mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstliebe.

Eure, Manon García

Manon Garcia - Autorin und Coach

Diplom-Ingenieurin Manon Garcia arbeitet als Autorin und Coach. Seit Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der (spät erkannten) Hochbegabung, der Hochsensibilität und dem Anderssein. Aktuelle Informationen finden Sie auf ihrer Website: www.manongarcia.de. Aktuelle Ratgeber zu den Themen: - Hochbegabung bei Erwachsenen - Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben.

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