Kapitel 1.1.

 

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1. Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht

1.1. Auf dem Weg zum Testergebnis

Der Straßenverkehr war stärker als erwartet, sie kam nicht gut durch. Auch die Grünphase schien immer auszufallen, an fast jeder Ampel musste sie warten. Sie war für den Termin um 15.00 Uhr spät dran. Dieses Treffen könnte ihr Leben verändern, entsprechend aufgeregt war sie. Sie fluchte, weil sie nicht vorankam, und klopfte nervös auf das Lenkrad. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, bei diesem wichtigen Ereignis überpünktlich zu sein.

An diesem Tag würde sie das Ergebnis ihres IQ-Tests erfahren. Sie war überrascht, dass sie dieser Zahl dermaßen entgegenfieberte. Sie konnte nicht hochbegabt sein, wie auch! Sie war schlecht in der Schule gewesen und musste sich für die mittelmäßigen Noten auch noch anstrengen. Es gab Phasen, in denen ihre Versetzung gefährdet war. Also, warum war sie aufgeregt?

Insgeheim hoffte sie, hochbegabt zu sein. Ja, sie hoffte, dass sie hochbegabt war. Aber was würde sich dadurch ändern? Ihr fiel nichts ein. Sie wollte hochbegabt sein, wusste aber nicht, warum. Das irritierte sie. Sie hatte ein Gefühl von „Ich habe es gewusst“ oder „Da seht ihr es“. Bei dem Gedanken, hochbegabt zu sein, fühlte sie sich groß; ja, man könnte sagen, dass sie innerlich wuchs, als ob sie diese Bestätigung ihr Leben lang gebraucht hätte. Keiner hatte ihr etwas zugetraut, keiner hatte ihr bescheinigt, dass sie etwas gut beherrschte. Im Gegenteil, es gab bloß den erhobenen Zeigefinger: „Das kannst du nicht“ und „Das kannst du auch nicht“, „Daran musst du noch arbeiten“ und „Das ist schlecht“. Sie hatte in ihrem Leben immer das Gefühl, dass etwas fehlte zum großen Ganzen, ob es in der Schule, beim Sport oder auf Arbeit war. Sie dachte im Nachhinein oft: Hättest du das gewusst, dann … Bei dem Gedanken, hochbegabt zu sein, fühlte sie ein angenehmes Kribbeln im Bauch und ärgerte sich gleichzeitig, dass sie so empfand. Das Teufelchen auf ihrer Schulter sprach: „Es ist totaler Quatsch! Das Ergebnis ist noch nicht mal da, und du denkst an die Zeit danach!“

Zweimal abbiegen, und sie würde da sein. Sie hatte nur noch eine Minute. Wie sie es hasste! Immer kam sie zu spät! Dabei war diese Hetzerei für sie das Schlimmste, was es gab. Das Gefühl, nicht in Ruhe am verabredeten Ort anzukommen, machte sie verrückt. Ihre Fähigkeit, unter Stress extrem viel zu schaffen, war zwar enorm, aber sie wollte diese Leistungen ohne Stress erreichen. Denn um unter Stress ihre Ziele zu erreichen, musste sie immer über 100 % geben.

Sie parkte das Auto und sprintete los. Zu allem Überfluss fing es an zu regnen. Pitschnass, verschwitzt und außer Atem lief sie hektisch durch das Gebäude. Es war nichts ausgeschildert. Ihre Aufregung steigerte sich durch die Sucherei. Sie schaute in die Räume, bei denen die Türen offen standen. Nichts. Es blieben drei verschlossene Türen, an denen sie verstohlen lauschte. Obwohl sie Panik hatte, dass ihr gleich jemand auf die Schulter klopfen und sie fragen würde, was sie denn hier tat, musste sie herausfinden, wo die Psychologin mit dem Testergebnis wartete. Als sie im hinteren Flur stand, hörte sie Stimmen. Sie klopfte zaghaft, öffnete die Tür und sah, dass sich die Psychologin in einem Gespräch befand. Erleichtert schloss sie die Tür. Sie hatte noch Zeit. Im Flur setzte sie sich hin und wartete. Ihre Aufregung steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Auf dem Weg hierher hatte sie ihre Aufregung teilweise ausschalten können, aber jetzt saß sie da und wartete auf ihr Testergebnis. Es fühlte sich an, als wäre die Frau vor ihr mindestens eine Stunde überfällig. Ein Blick auf die Uhr verriet das Gegenteil: Es waren erst fünf Minuten vergangen.

Die Enttäuschung würde gewaltig sein, wenn sie nicht hochbegabt war. Sie wollte hochbegabt sein, unbedingt! Mittlerweile würde sie alles andere als persönliche Niederlage empfinden. Sie überlegte, wie sie sich unauffällig verhalten könnte, damit man ihr im Falle des Falles ihre Gefühle nicht ansah. Sie wollte nicht zu aufgeregt wirken, ihre Vorfreude nicht zeigen – und ihre Enttäuschung natürlich auch nicht. Ein Intelligenzquotient sagte eigentlich nichts aus. Wenn sie sich zu überschwänglich freute, könnte der Eindruck entstehen, dass sie das Ergebnis überbewertete. Sie schaute auf die Uhr. Sieben Minuten waren vergangen.

Die Tür ging auf. Die beiden Frauen verabschiedeten sich, und sie ging mit der Psychologin in einen kleinen Raum. Sie befanden sich in einer Grundschule, sodass die Stühle und Tische entsprechend klein waren. Wie eine Riesin saß sie auf dem Stuhl. Als sie sich das bildlich vorstellte, musste sie lachen – und konnte endlich etwas entspannen. Doch jede Zelle in ihr war für das Ergebnis vorbereitet, jeder Muskel angespannt – fr die Erleichterung oder für die Flucht, wenn sie nicht hochbegabt sein sollte. Keine Sekunde länger würde sie dann in diesem Raum bleiben.

Während die Psychologin die Unterlagen heraussuchte, wurde ihr bewusst, dass sie seit der Absolvierung des Tests davon ausging, hochbegabt zu sein – obwohl sie vorher nie daran gedacht hatte. Beim ersten Treffen hatte die Psychologin gefragt, wie sie sich einschätzen würde. Sie wusste, dass sie intelligent war, aber hochbegabt? Nein, das kam nicht in Frage! Hochbegabt? Nein, eher alle anderen, aber nicht sie. Es gab so viele Menschen, die viel wussten, die immer gut waren oder die viel Allgemeinwissen hatten, aber sie … was konnte sie denn? Sie konnte sich autodidaktisch etwas aneignen, jedoch erst in den letzten Jahren. Zu Schulzeiten hatte sie ein Sieb im Kopf. Interessierte sie etwas, arbeitete und lernte sie konzentriert, dann behielt sie Fakten und Daten, welche sie mit anderen Informationen kombinierte. Ihre Transferleistungen waren enorm, darauf war sie auch ein wenig stolz. Aber sie konnte sich nur Dinge merken, die keinen interessierten. Wissen, das andere hören wollten oder das für Arbeiten und Prüfungen wichtig war, vergaß sie. Während des Studiums gab es Studenten, die für gute Noten kaum lernen mussten oder ein ausgeprägtes Allgemeinwissen besaßen. Manche hatten ein fotografisches Gedächtnis. Und sie? Was konnte sie? Eigentlich war sie nirgends richtig gut. Und sie wollte hochbegabt sein?

Sie schaute die Psychologin an und ließ sich ihre Aufregung nicht anmerken, obwohl sie kurz vorm Platzen war. Die Psychologin blickte sie an und fragte: „Was denkst du?“ Sie dachte, warum erzählt sie mir nicht einfach das Ergebnis, warum spannt sie mich so auf die Folter? Aber sie bewahrte die Fassung, verhielt sich, wie sie glaubte, sich verhalten zu müssen und antwortete: „Ich glaube nicht, dass ich hochbegabt bin“. Was sollte sie auch sonst sagen? Die Psychologin lächelte: „Du bist hochbegabt“.

Da war es. Etwas in ihr platzte. Es war eine Explosion! Doch das Glück ging nur bis zu ihrer Haut. Nach außen blieb sie ruhig und gelassen. Sie lächelte und tat überrascht. Und das war sie auch. Sie wunderte sich selbst über ihr abgeklärtes Verhalten, da sie doch von innen heraus zu verbrennen drohte! Immer wieder hatte man ihr gesagt, dass man sich nicht mit Erfolgen brüsten, dass man sich still freuen sollte. Das setzte sie nun grandios um. Sie redeten über unwichtige Dinge – dabei wollte sie hinausrennen, wollte schreien, laut schreien! Dieses schöne Gefühl musste rausgeschrien werden! Wie lange würde diese Fassade noch halten? Sie dachte unentwegt daran zu schreien und saß zugleich in dem Raum und unterhielt sich über Tests, über die Reaktionen und über andere Dinge. Sie verstand kein Wort, sie spürte nur noch diese Explosion in sich, dieses unbändige Gefühl, welches raus wollte. Sie nickte automatisch und wollte allein sein mit diesem Glücksgefühl.

Irgendwann war das Gespräch zu Ende. Langsam fuhr sie nach Hause – und wusste mit ihrem Glück nichts anzufangen. Was bedeutete das neue Wissen für sie? Was würde sich verändern, würde sich überhaupt etwas ändern? Sie versuchte, dieses intensive Gefühl so lange wie möglich zu genießen. Es verflog viel zu schnell. Sie fühlte sich, als hätte ihr jemand 100 Millionen geschenkt, aber in einer Währung, mit der sie nicht einkaufen konnte.

So oder ähnlich – oder auch ganz anders – kann es sein, wenn Erwachsene erfahren, dass sie hochbegabt sind. Die Reaktion auf das Testergebnis lässt sich nach Heinz-Detlef Scheer in sechs Phasen unterteilen:

  • Überraschung
  • Euphorie
  • Ernüchterung
  • Aggression
  • Trauer
  • Versöhnung[i]

Diese Phasen können auftreten, werden aber nicht notwendig alle durchlaufen, manchmal lassen sie sich auch nicht eindeutig trennen. Nachfolgend sind die Erfahrungen der Autorin zur besseren Übersichtlichkeit in diese Phasen eingeteilt. Wenn Sie weitere Erlebnisberichte lesen möchten, seien Ihnen folgende Bücher empfohlen: Andrea Brackmann, „Ganz normal hochbegabt: Leben als hochbegabter Erwachsener“ und Katharina Fietze, „Kluge Mädchen: Frauen entdecken ihre Hochbegabung“.

 


[i]            Heinz-Detlef Scheer, Wie ich werde, was ich bin, Books on Demand, 2010.

Manon Garcia - Autorin und Coach

Diplom-Ingenieurin Manon Garcia arbeitet als Autorin und Coach. Seit Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der (spät erkannten) Hochbegabung, der Hochsensibilität und dem Anderssein. Aktuelle Informationen finden Sie auf ihrer Website: www.manongarcia.de. Aktuelle Ratgeber zu den Themen: - Hochbegabung bei Erwachsenen - Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben.
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