Dez 012013
 
Manon Garcia - Autorin und Coach für Hochbegabung und Hochsensibilität. Ratgeber: "Hochbegabung bei Erwachsenen" und "Hochbegabung leben". Expertin für Hochbegabung.

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Das große Ganze versus Konzentration aufs Detail

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten etwas zu betrachten.

  • Von der Ferne mit dem Blick aufs große Ganze
  • Von der Nähe mit Konzentration auf das absolute Detail

Nun ist es so, dass bei der Konzentration des Details, die Sicht auf das große Ganze verloren geht. Ich möchte das am Beispiel eines Gesicht erläutern.

Beschreibung des Äußeres eines Menschen

Wenn ich von weitem schaue, sehe ich, wie er lächelt, ob er die Augenbraue hochzieht, ob seine Augen beim Lächeln mitlächeln usw. Gehe ich aber immer näher ran, sehe ich nicht mehr das ganze Gesicht, sondern als Beispiel eine Augenbraue. Da sehe ich auch noch, ob sie beispielsweise hochgezogen wird. Gehe ich noch näher ran, sehe ich nur noch ein Augenbrauenhaar, das mir seine Beschaffenheit offenbart, aber das mir nicht sagt, ob diese Augenbraue hochgezogen wird. Je näher ich dem Detail komme, umso mehr kann herausgefunden werden. Umso genauer kann das Element beschrieben werden. Es kann aber unter Umständen kein Zusammenhang festgestellt werden von dem Augenbrauenhaar und der Augenbraue oder dem Gesicht. Und ein Augenbraunhaar bildet zwar die Augenbraue, aber wenn ein Haar fehlt, ändert sich nichts am Gesamtbild.

Menschen mit dem variablen Blick

Menschen unterscheiden sich. Es gibt welche, die sich mit Euphorie und Freude auf das Detail stürzen. Dieses auseinandernehmen, um alle möglichen Fragestellungen zu beantworten. Sind diese Menschen in der Lage das große Ganze im Auge zu behalten und trotzdem sich alles von der Nähe anschauen können, nehmen sie auf verschiedenen Ebenen wahr. Sie können Informationen aus den unterschiedlichen Distanzen ansehen, analysieren, verbinden, hinterfragen und Zusammenhänge entdecken. Die Möglichkeit der beiden Sichtweisen erweitert den Horizont und führt oftmals zu neuen Erkenntnissen oder Fragestellungen.

Menschen mit dem Blick aufs große Ganze

Ebenso gibt es nun Menschen, die sich die Dinge von weitem anschauen. Sie verschaffen sich einen Eindruck, können diesen einordnen und sind zufrieden. Menschen, die sich wohlfühlen, wenn sie das große Ganze im Blick behalten, sich also bei der Beschreibung des Menschen lieber von weitem anschauen und beschreiben. Es fehlt ihnen an nichts und sie kommen mit dieser Art zu sehen sehr gut durchs Leben.

Kommunikation unterschiedlicher Menschen

In einer Kommunikation kann es sein, dass diese Menschen mit ihren jeweiligen Sichtweisen gemeinsam auf ein und dasselbe Ding schauen. Der eine sieht es und ist zufrieden, der andere sieht es, findet es interessant und möchte nun näher heran. Eine Kommunikation bringt ja erst dann richtig Spaß, wenn sich ausgetauscht wird, was zur Folge hat, dass sich der Mensch, der näher ran möchte, dieses mit seinem Gesprächspartner tun möchte. Es gibt jetzt also zwei Wünsche, den des Menschen, der genug gesehen hat und, den des Menschen, der zusätzlich zur jetzigen Sichtweise näher heran möchte.

Änderung der Perspektive

Wird von dem Menschen, dem eine Sicht von der Ferne reicht, erwartet, er mögen die Sichtweise oder Perspektive ändern, kann es sein, dass dieser den Überblick verliert, wenn eine bestimmte Distanz unterschritten wird. Was zur Folge hat, dass dieser Mensch nicht mehr weiß, was er sieht, dieses nicht einordnen kann und auch den Sinn in dieser Aktion nicht sieht. Sah er doch vorher einwandfrei. Dieses soll aufgegeben werden für eine Sichtweise, die er nicht versteht und nicht einordnen kann. Das ist, als geht man mit den Augen zu nah an den Fernseher. Dann wird zwar noch gesehen, aber es ist unscharf, ein zu kleiner Ausschnitt und es macht Kopfschmerzen oder schwindlig. Diese Menschen können der Kommunikation nicht mehr folgen. Denn sie brauchen eine gewisse Distanz, um das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Bei der Unterschreitung dieser Distanz ist es für sie nicht mehr möglich, beides wahrzunehmen. Sie können entweder Ferne oder Nähe.

Kommunikation steht vorm Konflikt

Die Kommunikation birgt Konflikte, wenn sich die beiden Menschen ihrer Art Wahrzunehmen nicht bewusst sind. Der Mensch, der die Fern und Nähe kann und durch beide Perspektiven erst seinem Hunger nach Informationen deckt sowie dadurch erst hinterfragen und entdecken kann, möchte sich auf dieser sehr inspirierenden Ebene unterhalten. Da ihm diese Art der Wahrnehmung üblich erscheint, für ihn einen Lustgewinn darstellt, er keine Anstrengungen unternehmen muss, um beides gleichzeitig wahrzunehmen, ist es ihm unter Umständen nicht möglich zu verstehen, dass es Menschen gibt, die diese Art der Wahrnehmung nicht durchführen können. Oder die sogar durch den fehlenden Überblick bei zu viel Nähe unsicher und ängstlich werden. Ist es doch eine Freude Dinge von unterschiedlichen Entfernungen zu betrachten. Aber dieser Freude steht dann Hilflosigkeit und Ängstlichkeit gegenüber.

Bewussstmachung verschiedener Betrachtungsweisen

Ist diese Situation nicht bewusst, versucht der auf verschiedenen Distanzen Sehende dem anderen den Zugang zu dieser Art zu sehen oder wahrzunehmen zu ermöglichen, indem er beschreibt, erklärt und motiviert. Dass diese Art der „Unterstützung“ beim Gegenüber zusätzlich Panik und Abschreckung verursacht, wird u. U. nicht verstanden oder nicht bemerkt. Die Folge ist nicht selten ein Konflikt, der in Sätzen mündet wie „muss du immer allem auf dem Grund gehen?“, „kannst du die Dinge nicht einfach mal so stehen lassen?“, „du denkst zuviel“. Was aus Sicht des Menschen auch verständlich sind, der diesen Zugang auf verschiedenen Distanzen nicht benötigt, um zufrieden zu sein. Diese Person sieht und versteht bei einer gewissen Distanz. Alles andere macht ihm Angst oder verunsichert diesen. Warum sollte diese Person also etwas ändern?

Verhaltensweisen nachvollziehbar und verständlich

Beide Verhaltensweisen sind also aus ihrer Sicht nachvollziehbar und verständlich, nur kommen diese beiden Menschen nicht zueinander, wenn sie nicht erfahren, dass es diese beiden Sichtweisen gibt. Hier hilft ein Verständnis für das Gegenüber, ein Respekt für die jeweils unterschiedliche Herangehensweise und die Gelassenheit die verschiedene Wahrnehmung nicht zu bewerten, sondern hinzunehmen, als das was sie ist. Eine unterschiedliche Wahrnehmung und ein unterschiedlicher Weg des Lernens und Erfahrens. Jeder Mensch auf seine Art und Weise. Keine ist schlechter oder besser, sondern lediglich anders und für beide Seiten notwendig. In diesem Sinne wünsche ich eine entspannte und besinnliche Zeit.

Eure,

Manon García

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