Jan 092016
 
Petra A. Bauer - Autorin, Bloggerin, Journalistin und GartenFee aus Berlin

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Beim alljährlichen Blogwichteln des weltbesten Frauennetzwerks Texttreff wurde mir erneut Petra A. Bauer zugelost. Dieses Mal hat sie mir einen interessanten (privaten) Beitrag zum Thema Hochbegabung und Hochsensibilität geschrieben. Vielen Dank liebe Petra und allen anderen viel Spaß beim Lesen! 🙂

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Für das Texttreff-Blogwichteln 2015 /16 darf ich Manon Garcia im Hochbegabungsblog bewichteln. Vielen Dank!

Hochbegabt oder hochsensibel?

Ich denke, Hochsensibilität kann ich bei mir ausschließen. Bevor ich danach gegoogelt habe, was es eigentlich genau bedeutet hochsensibel zu sein, habe ich gedacht, dass ich schreibe: „Ich habe eher ein Gemüt, wie ein Schaukelpferd!“. Aber es geht ja gar nicht um das „sensibel“, wie wir es kennen, wenn auf dem Schulhof jemanden hinterhergerufen wird: „Du bist ja ne Mimose!“. Offenbar geht es aber tatsächlich um unsere Sinne und darum, dass hochsensible Menschen Reize intensiver wahrnehmen als der Durchschnitt der Bevölkerung . Ich habe sogar einen „Hochsensibel-Test“ gemacht. Manche Dinge treffen zu, aber das liegt dann wohl eher an meinem ADS. Hochsensibel bin ich also schonmal nicht.

Hochbegabt? Ich würde das Wort so uneingeschränkt auf mich nicht anwenden wollen, denn „Hochbegabung“ ist ein starker Begriff, der heutzutage schon beinahe inflationär gebraucht wird. Und trotzdem sprach lange Zeit einiges bei mir dafür hochbegabt zu sein, mit diversen daraus resultierenden Problemen:

„Altklug“

Im Alter von vier Jahren habe ich mir das Lesen beigebracht. Ich habe meine Eltern immer gelöchert, was denn das alles so heißt, auf Verpackungen und Leuchtreklamen. Einzelne Buchstaben habe ich nie gepaukt und meine Eltern haben nur meine Fragen beantwortet und nicht auf irgendwelche Zirkusnummern hingearbeitet. Ich war ihnen sowieso schon viel zu altklug, weil ich nur mit Erwachsenen aufwuchs.

Mit fünf Jahren konnte ich dann schreiben und habe meinem Vater die Artikel aus unserer Tageszeitung vorgelesen. Als die Einschulungsuntersuchung anstand, legte man meinen Eltern ans Herz, mich die Erste Klasse überspringen zu lassen. Diese hatten jedoch die Befürchtung, dass der soziale Aspekt dann kompliziert sein und ich keinen Anschluss finden würde.

Also kam ich in die Erste Klasse – gemeinsam mit 41 anderen Schülern. Ich war von Anfang an die Außenseiterin. Das doofe Einzelkind, das alles besser wusste. Wenn ich mich meldete, sagte meine Lehrerin: „Du musst dich nicht melden. Dass DU das weißt, wissen wir.“

Langeweile pur

Einmal habe ich in einem Diktat alle i-Punkte und Satzzeichen in Sternchen verwandelt, weil ich immer schon ewig fertig war, wenn der Klassenletzte immer noch fragte, wie die drei gerade diktierten Worte nochmal hießen. Ich hatte null Fehler und bekam wegen der Sternchen einen Anschiss, den ich bis heute nicht vergessen habe. Und das, wo unsere Lehrerin ja angeblich so fortschrittlich war. Sie diskutierte mit uns über Atomkraft und den §218 und war ein Fan von Baader-Meinhof. Aber unterforderte Schüler zu fördern – oder wenigstens nicht zu dissen – das bekam sie nicht hin. So habe ich mich unter ihrer „Obhut“ sechs Jahre lang durch das Berliner Grundschulsystem gelangweilt.

Manchmal kam tatsächlich etwas, das ich noch nicht konnte, das habe ich dann aber oft nicht mitbekommen, weil ich mit meinen Gedanken natürlich woanders war. Und da wir nie Hausaufgaben aufbekamen, habe ich nie das Lernen an sich gelernt. Dinge, die mich aus eigeneer Motivation heraus interessierten, sog ich auf, wie ein Schwamm und vergaß sie auch nicht.

Queen of forgotten Homework

Als ich später auf dem Gymnasium auch Dinge lernen sollte, die mich NICHT interessierten (und das waren viele) und Hausaufgaben machen sollte, wurde es schwierig. Ich war die Queen of forgotten homework, und hätte es für jede nicht gemachte Hausaufgabe eine Sechs gegeben, wie das ja leider heute praktiziert wird, wäre ich wohl nicht zum Abitur zugelassen worden. Und das, obwohl ich auch in den ungeliebten Fächern nicht viel tun musste, um eine akzeptable Zensur zu bekommen. Außer in Mathe, aber das durfte ich in der Oberstufe nach zwei Semestern abwählen.

Ich habe mein Abi letztlich mit Lern-Minimalaufwand gemacht (faul bin ich nämlich außerdem) und mich mit einer gemütlichen 2,9 zufriedengegeben. In der Retrospektive würde ich sagen, dass ich Teilleistungsstärken hatte (habe?). Wie gesagt, Hochbegabung ist ein starkes Wort, das ich nicht uneingeschränkt für mich in Anspruch nehmen möchte. Mir fällt es heute noch genauso leicht, Dinge zu lernen, die mich interessieren und ebenso schwer, Dinge zu lernen (oder über Dinge zu schreiben), die ich nicht mag. Anständige Strategien zum Lernen und Arbeiten habe ich bis heute nicht.

Kind 4 – hochbegabt?

Als ich 14 war, wurde ein IQ-Test bei mir durchgeführt, der bei irgendwas über 130 lag. Genaueres haben meine Eltern nicht verraten, weil sie nicht wollten, dass ich irgendwelche Flausen in den Kopf bekam. Dabei hat mich das alles gar nicht sonderlich interessiert. Hochbegabung war gar kein Thema, bis meine Jüngste Tochter ihren Namen in den Lack unseres VW-Busses ritzte, als sie vier Jahre alt war.

Im Kindergarten langweilte die Kleine sich schon lange und niemand interessierte sich dafür, dass sie zu lesen begann. Dass sie schreiben konnte, zeigte sie dort lieber erst gar nicht. Nachdem es früher zwei altersgemischte Gruppen gab, hatte man die beiden Gruppen irgendwann nach Alter sortiert und sie war bei den „Babys“ gelandet, wo sie im Prinzip gar nichts durfte.

Nicht überall wo „Hochbegabtenförderung“ draufsteht, ist auch Hochbegabtenförderung drin

Nachdem Gespräche mit den Erziehern ins Leere liefen, kam sie aus der Kita mit viereinhalb Jahren in die Vorschule, wo sie aufblühte. Mit fünfeinhalb Jahren wurde sie eingeschult – blöderweise in eine Schule, die sich Hochbegabtenförderung auf die Fahne geschrieben hatte.

Was eigentlich gut sein sollte, verkehrte sich nämlich ins Gegenteil: Binnendifferenzierung blieb eine Worthülse und zusätzlich war sie in eine Klasse mit Schülern gekommen, die teilweise einen IQ von über 140 hatten. Darunter war ein Mathegenie, dass sie immer damit aufzog, dass sie Mathe eben überhaupt nicht konnte (und bis heute nicht kann). Ganz schnell war sie durch diese Rädelsführerschaft „die Doofe“ in der Klasse und trug die rote Laterne mit sich herum. Die Lehrerin, die sich mehr Sorgen darüber machte, wenn unsere Tochter mal wieder ihre Buntstifte vergessen hatte, als dass sie andere Aufgaben bekommen hätte, wenn sie im Deutschunterricht vor allen anderen fertig war, hat ein übriges dazu beigetragen, dass die Kleine immer frustrierter und lernunwilliger wurde. Das änderte sich endlich, als die ganzen „Cracks“ nach der Vierten Klasse auf die Schnelläufergymnasien wechselten. Die paar Kinder, die noch in der Klasse verblieben, wurden auf andere Klassen aufgeteilt. In ihrer neuen Klasse gehörte sie zu den Besten und fand ihr Selbstvertrauen wieder.

Brauchen wir Schubladen? Nein, aber Verständnis.

Auch im Fall unserer Tochter tippe ich eher auf eine Teilleistungsstärke oder einen altersbedingten Leistungsvorsprung als auf Hochbegabung, obwohl ich lange Mitglied in einer Mailingliste von Müttern hochbegabter Kinder war. Diese Grenze zu ziehen ist schwierig, und Zahlen der IQ-Tests hängen auch von vielen Faktoren ab. Meine Tochter ist kein sogenanntes Wunderkind, ebensowenig wie ich eines war.

Ich denke, für Otto Normalverbraucher sind hochbegabte Kinder weiterhin die, die schon mit drei Jahren ihre erste Oper komponieren, hundertstellige Zahlenkolonnen binnen Sekunden im Kopf mutliplizieren und nebenbei noch Jugendschachweltmeister sind. Ach, und sportliche Höchstleistungen erbringen sie außerdem, jedenfalls denken viele das so. Möglicherweise benötigen wir bei der Schubladisierung überdurchschnittlich intelligenter Kinder andere Begrifflichkeiten. Oder wir lassen die Schubladen weg und versuchen zu erkennen, dass es ebenso eine Bürde sein kann zu viel zu wissen, als wenn man zu wenig in seinen Kopf hineinbekommt.

Gerade Eltern, Erzieher und Lehrer sind hier gefragt, denn wie hilflos und ausgeschlossen man sich fühlt, wenn es heißt „Dass DU das kannst, wissen wir“ oder wenn immer auf den durchaus vorhandenen Defiziten (wie überdurchschnittliche Schusseligkeit) herumgehackt wird, das haben meine Tochter und ich erlebt. Es tut nicht Not, immer und immer wieder auszuprobieren, wie viel eine Kinderseele aushält.

Petra A. Bauer - Autorin, Bloggerin, Journalistin und GartenFee aus Berlin

Petra A. Bauer – Autorin, Bloggerin, Journalistin und GartenFee aus Berlin

Petra A. Bauer, 2016

 

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