Wie ich lernte mit der Hochbegabung zu leben

Vom Underachiever zur glücklichen Hochbegabten

Vor ein paar Jahren erfuhr ich, dass ich hochbegabt sein soll. Ich und hochbegabt. Ein Scherz! Ich lachte nicht, weil sich ein wohliges und ja, auch ein stolzes Gefühl ausbreitete und ich diesem Gefühl nachspürte. Bei Lachen hätte ich Angst, dass die Hochbegabung zerplatzt. Also freute ich mich still.

Falsche Entschlüsse aufgrund des Testergebnisses

Da ich ein Mensch wie jeder andere war, kannte ich die Mythen von Genies. War ich jetzt ein Genie? Es gab Genies, die komponierten wie Mozart oder forschten wie Einstein. Beides kam für mich aufgrund meines Alters nicht mehr in Frage. Ein Genie hat seine Leistungen bereits in der Kindheit gezeigt. Das war bei mir nicht der Fall. Also kein Genie. Was bringt mir also die Hochbegabung mit seiner Intelligenz? Schneller, höher, weiter. Wenn das jetzt auch für mich galt … könnte ich meine ganzen Interessen gleichzeitig studieren. Vor ein paar Wochen überlegte ich noch, ob ich Bildungswissenschaft oder Mathematik studieren soll. Nun war klar, ich studierte beides parallel. Wozu hat man denn die Hochbegabung!? Zudem nahm ich mir vor, die Hochbegabung vollends auszukosten und schneller zu studieren, als es die Regelstudienzeit vorgab. Irgendwie musste ich ja die verlorene Zeit wieder gut machen.

Das Testergebnis ändert nichts am Menschen

Da ich eine Frau der Tat bin, setzte ich beides umgehend um und studierte zwei Monate später beide Studiengänge parallel. Komischerweise war mein Gedächtnis mit dem Testergebnis nicht mitgewachsen und zusätzlich kam eine nicht gekannte Prüfungsangst hinzu, die mich verzweifeln ließ. Erst war ich verzweifelt, weil ich so viele Jahre ohne die Hochbegabung leben musste und nun, weil ich die Eigenschaften der Hochbegabung nicht anwenden konnte. Ich machte etwas falsch, denn andere waren in der Lage ihre Hochbegabung zu nutzen. Sie übersprangen mindestens drei Schulklassen, hatten ihren Doktor mit nicht mal 20 Jahren oder erreichten Dinge, die sich sonst keiner erträumte. Und ich? Ich saß rum und war nicht in der Lage zwei läppische Studiengänge parallel zu studieren. Dabei waren es doch Gebiete, die mich interessierten. Es heißt, wer Informationen lernt, die einem Spaß machen, lernt von allein. Aber auch hier schien ich eine Ausnahme zu sein.

Ich saß in der Küche und fragte mich, was ich von meiner Hochbegabung hätte, wenn ich diese nicht einsetzen könnte. Ich dachte nach, ob es andere Eigenschaften an der Hochbegabung gab, die ich nutzen könnte, wenn das beim Gedächtnis und Lernen schon nicht klappte. Das Grübeln dauerte ziemlich lange, denn mir fiel nichts ein, was ich als Hochbegabte jetzt anders oder besser machen könnte. Ich blieb immer wieder an den Fragen hängen: Was ist eigentlich Hochbegabung? Wie äußert sich die? Und warum bin ich hochbegabt, habe aber keinerlei Eigenschaften mit auf den Weg bekommen? Mein Lebenslauf und mein Lernverhalten deuteten wenigstens nicht auf eine Hochbegabung hin.

Es gab keine Antworten auf meine Fragen

Aber eines konnte ich, mich informieren, wenn ich nicht weiter kam. Im Internet suchte ich nach Fakten zur Hochbegabung. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich vom Internet enttäuscht. Alles gab es im World Wide Web, aber keine Auskunft über Hochbegabung. Und wenn, dann für Kinder und Jugendliche. Aber für Erwachsene? Nichts! Überhaupt nichts! Das Buch von Andrea Brackmann – hochbegabt und hochsensibel hatte ich schon verschlungen, aber es reichte mir nicht. Ich wollte mehr, ich wollte Antworten auf meine vielen Fragen. Denn eines quälte mich sehr: Wieso konnten sich andere als Kind das Lesen beibringen und ich war zu blöd dafür? Wieso hat man die Hochbegabung anderen Kindern angesehen und ich war so geschickt, diese zu verstecken? In diesem Zusammenhang fiel immer wieder ein Wort: Underachiever. Ich fühlte mich dieser Gruppe sofort zugehörig, aber was bedeutete das jetzt? Warum war ausgerechnet ich in dieser Gruppe, wie kam ich wieder heraus und was musste ich ändern?

Die Idee zum Ratgeber entstand

Es musste doch jemanden geben, der meine Fragen beantwortete. Aber es gab keinen. Ich sammelte meine Fragen und die von anderen Hochbegabten und machte mich auf die Suche nach Antworten. Ich las mir Vorträge, Seminarbeiträge, Forschungsergebnisse und Fachbücher durch und durchleuchtete alles auf meine gesammelten Fragen. Ab sofort beobachtete ich mich und hinterfragte jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede Handlung. Oft stand ich vor dem Problem, dass ich nicht wusste, ob etwas „typisch“ hochbegabt war oder nicht. Was war normal für eine Hochbegabte und was hatte ich mir angewöhnt, weil ich dachte, dass das normal sei? Was war richtig und was war falsch? Jede Information, die mit mir und der Hochbegabung zu tun hatte, schrieb ich auf und speicherte diese ab. Früh kam der Gedanke, dass ich meine Sammlung anderen Hochbegabten zur Verfügung stellen möchte, damit diese nicht genauso mühsam alles zusammensuchen müssten. Je länger ich recherchierte, umso klarer wurde die Struktur. Die Zusammenhänge der unterschiedlichen Themengebiete interessierten mich. Es gab Verbindungen, die hätte ich nie im Leben für möglich gehalten.

Ich entwickelte mich mit der Auseinandersetzung

Während des Schreibens lernte ich mit meinen Eigenschaften umzugehen, entwickelte mein eigenes Wertesystem und definierte Sachverhalte für mich neu. Im Grunde genommen habe ich meine Identität auf den Prüfstand gestellt und mit der hochbegabten Brille begutachtet. Alles, was nicht mehr passte oder ich mir aneignete, um dazuzugehören, versuchte ich mir abzugewöhnen. Es war anstrengend – Muster und Prägungen, die ich mir über Jahrzehnte aneignete, abzulegen. Also suchte ich nach Informationen, wie ich mich ändern könnte. Wie lege ich meine Verhaltensweisen ab, wie sprenge ich meine Muster und wie löse ich meine Ketten? Auch diese Daten sammelte ich und fügte sie meinem Buch hinzu. Ich entwickelte mich vom absoluten Underachiever, zum gefühlten Underachiever und nun aktuell zur Hochbegabten, die ihren Weg gefunden hat.

Der Ratgeber war fertig und wartete auf die Veröffentlichung

Nach vier Jahren war das Buch fertig. Ich kannte nun den Aufbau und die Struktur. Ich wusste, wie viele Seiten es werden, und hatte die Kapitel geschrieben. Da es noch kein Buch für hochbegabte Erwachsene gab, dachte ich, dass die Verlagssuche ein Kinderspiel werden würde. Jeder Verlag fragt nach dem Alleinstellungsmerkmal und ich konnte eines liefern. Leider musste ich feststellen, dass ausgerechnet Hochbegabung ein Thema war, bei dem das Alleinstellungsmerkmal unvorteilhaft war. Geholfen hätte vielleicht ein Name, ein Promistatus, ein Psychologiestudium oder ein befreundeter Lektor. Aber so war ich für die Verlage uninteressant. In dieser Zeit wurde das zweite Buch von Andrea Brackmann veröffentlicht, welches sich an hochbegabte Erwachsene richtet. Ich kaufte es mir und stellte fest, dass das zweite Buch von Andrea Brackmann fast ausschließlich aus Erfahrungsberichten bestand. Auch beim zweiten Buch von ihr, fehlten mir detailliertere Informationen und Möglichkeiten sich zu entwickeln. Die Tatsache, dass mein Buch, die von Andrea Brackmann, ergänzten, machte mir Mut bei der Verlagssuche. Das Buch von ihr verkaufte sich gut, was ich für ein Argument bei den Verlagen hielt, aber weit gefehlt. Es erschienen weitere Bücher für erwachsene Hochbegabte, aber alle enthielten Erfahrungsberichte. Die Berichte sind wichtig, mir halfen sie anfangs, aber ich brauchte weitere und tiefer gehende Informationen. Die konnte ich mit meinem Buch liefern. Meine letzten Zweifel zerschlugen verschiedenen Testleser mit ihren Rückmeldungen. Also veröffentlichte ich.

Die Auseinandersetzung mit der Hochbegabung ist elementar

Die Arbeit mit dem Buch hat mir Spaß gemacht und ich habe viel gelernt. Vor allem, dass die Auseinandersetzung mit der Hochbegabung sehr elementar ist. Ich lernte mit der Hochbegabung zu leben. Aber zu erfahren, dass ein Buch für hochbegabte Erwachsene nicht bedeutsam wäre und dass ca. 3 Millionen Menschen als Zielgruppe für Verlage nicht genug waren, hat mich verzweifeln lassen. Immer wieder wurde mir die Denkweise über Hochbegabung vor Augen geführt. Nicht selten wurden abfällige Sprüche geäußert. Ich musste einsehen, dass die Zeit noch kommen muss in dem Hochbegabung als normal angesehen wird. Bis dahin sollten Hochbegabte zusehen, dass sie sich von der Gesellschaft nicht zu sehr verbiegen lassen und trotzdem mitten drinnen sein können.

Eure,

Manon García

2 Replies to “Wie ich lernte mit der Hochbegabung zu leben”

  1. Hallo Stina,

    das ist leider nicht so einfach. Aber ich denke, dass eines im Leben wichtig ist. Gehe deinen Weg. Was möchtest du? Was sind deine Wünsche? Also ich meine DEINE und nicht das, was du glaubst, was von dir erwartet wird, was „man“ leisten sollte. Es zählt doch nicht, was andere erreicht haben oder wie schnell. Es geht darum, dass du deinen Weg findest. Deinen Weg gehst in deinem Tempo und in deine Richtung. Ruhig mal über die Wiese gehen, den eigenen Pfad erlaufen und nicht immer die ausgetretenen Pfade „der anderen“ gehen. Traue dich auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn es sein muss. Hauptsache du bleibst dir treu.

    Wichtig ist für mich, dass ich mit mir im Reinen bin, dass ich Spaß an dem habe, was ich unternehme, dass ich mich nie mehr aus den Augen verliere. Ich arbeitete an meiner Selbstliebe und meiner Identität. Das alles hat viele Jahre gedauert, denn ich musste starre Strukturen und Prägungen aufsprengen. Der Weg war weit, aber er lohnte sich.

    Meinen Ratgeber hast du vermutlich schon gelesen? Er zeigt auf, in welchen Bereichen genau hingeschaut werden könnte. Und er zeigt, in welchen Bereichen gearbeitet werden kann. Es ist der Weg deiner Schritte. Sie werden mal größer und mal kleiner sein. Mal wirst du wieder umkehren und mal zögern, aber solange du auf dich hörst, wirst du deinen Weg finden und gehen. Und jeder einzelne Schritt ist notwendig, auch die Schritte, die uns scheinbar rückwärts gehen lassen.

    Dabei wünsche ich dir ganz viel Kraft und Energie! Glaube an dich!

    Lieben Gruß
    Manon

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