Wie werden Hochbegabte erkannt?


_In den letzten Tagen las ich immer wieder diese oder ähnliche Fragen in den deutschen Tageszeitungen. Wie werden die Hochbegabten erkannt? Dazu gibt es dann Vorträge, Veranstaltungen und Workshops. Aber ist das nicht viel zu kurz gedacht? Oder ist das in der heutigen Zeit noch notwendig, weil die hochbegabten Menschen sonst durchs Rost fallen würden?

_Eine Mutter kommt mit ihrem Kind nicht zurecht und überlegt, ob es hochbegabt sein könnte. Aber muss denn erst ein Intelligenztest gemacht werden, damit sich die Eltern entsprechend um ihr Kind kümmern? Wieso verändert eine Zahl alles? Wieso beobachten sie ihr Kind nicht einfach und gucken, was es braucht und was es möchte? Wenn einem Kind langweilig ist, ist es doch immer noch dasselbe Kind, egal, welchen IQ es hat. Warum fordern die Eltern das Kind, wenn es hochbegabt ist? Fordern es aber nicht, wenn es eine Zahl kleiner 130 besitzen? Ist es richtig, dass die Eltern dieser Zahl so viel Bedeutung beimessen? Was passiert denn, wenn das Kind eigentlich hochbegabt ist, aber beim Test lustlos oder unkonzentriert war und es deshalb nicht zum Vorschein kam? Die Eltern würden dieses Kind nicht fordern, weil es angeblich nicht hochbegabt ist. Das ist eine verkehrte Welt! Die Eltern sind so nah an ihren Kindern dran, sie wissen genau, was mit ihren Kindern ist, was sie mögen, was nicht. Sie wissen, welche Hobbys sie haben. Wieso wird eine Forderung nicht in einer Interaktion mit dem Nachwuchs selber erarbeitet? Wieso brauchen Eltern eine „Erlaubnis“ in Form eines Testergebnisses? Es gibt so viele Formen von Hochbegabung und nur ein Teil wird mit dem Intelligenzquotienten abgebildet. Was ist mit den Kindern, die in anderen Teilen ihre Hochbegabung aufweisen? Würden diese keine Forderung mehr erhalten?

_Sowieso finde ich die Diskussion, wie man hochbegabte Kinder und Schüler am besten fordert, eine am falschen Ende. Wäre es nicht gerechter, wenn alle Kinder individuell gefördert werden? Jeder sollte entsprechend seiner Begabung gefordert, aber auch gefördert werden. Warum soll das einer kleinen Gruppe von 2% vorbehalten bleiben? Zumal bei dieser Forderung meist die unentdeckten Hochbegabten nicht berücksichtigt werden. Jedes Kind hat das Recht auf Herausforderungen, egal, ob zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule. Nur dieses Recht können sie zwar einklagen, aber nicht durchsetzen. Dafür sind die Bezugspersonen und Erziehungspersonen zuständig, die dieses Recht allzu oft vernachlässigen. Ich frage mich dann immer, ob die Eltern, die Lehrer, die Kindergärtner (und alles auch in weiblicher Form) nicht selber mal Kind und Schüler waren. Jeder Erwachsene musste durch seine Kindheit und hat entweder erfahren dürfen wie es sich anfühlt, wenn einem Herausforderungen gestellt werden oder er war in der traurigen Situation, dass er diese eben nicht erhielt. Aber in beiden Varianten müsste diese Person als Erwachsene alles daran setzen, um die Aussichten für den Nachwuchs zu verbessern. Aber leider scheint auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen eine Resettaste zu existieren. Anders ist es nicht zu erklären, dass Kinder und Schüler immer weniger in den Genuss von Herausforderungen kommen.

_Das Schulsystem wird trotz vieler Reformen und Änderungen nicht dahingehend geändert, dass Schüler gerne zur Schule gehen, dass sie sich auf die Herausforderung freuen und begeistert mitmachen. Das gilt für alle Schülerinnen und Schüler. Aus diesem Grunde kann ich doch verstehen, wenn sich Eltern engagieren, die die Voraussetzungen ändern wollen und sich für ihre Kinder einsetzen. Eigentlich müssten viel mehr Eltern auf die Barrikaden gehen und für eine Schulrevolution demonstrieren. Da sich diese Demonstration oftmals auf die Eltern hochbegabter Kinder beschränkt, ist es nicht verwunderlich, dass in der Öffentlichkeit öfters von der Förderung der Hochbegabten gesprochen wird und weniger vom Recht auf Forderung für alle.

_Es kann ein Anfang sein, es kann der Beginn sein, dass diese Forderung in absehbarer Zeit auf alle Schüler ausgeweitet wird. Ja, das kann sein. Aber eher sehe ich die Gefahr, dass mit den Fingern auf Hochbegabte gezeigt wird, weil man neidisch auf die Forderung ist, weil diese eigentlich jedem zusteht. Dieser Protest ist berechtigt, aber die Finger sollten nicht auf die Hochbegabten gezeigt werden, sondern auf die Urheber des Schulsystems und auf die eigenen Eltern. Würden sich alle Eltern für die Forderung ihrer Kinder einsetzen, nähmen die Hochbegabten keine Sonderstellung ein.

_Dazu passen Berichte über Schulen, die sich verstärkt um Hochbegabte kümmern. In dem Bericht wird nur über die Maßnahmen gesprochen, die die Hochbegabten betreffen und zurecht beschweren sich die anderen, die nicht in den Genuss dieser Maßnahmen kommen. Warum bekommen manche eine Extrawurst gebraten? Was können die Schüler dafür, die einen IQ kleiner 130 haben? Nichts! Sie haben dieselben Rechte.

_In der Hoffnung, dass sich in Zukunft die Eltern und Lehrer besinnen und nicht versuchen alles zu vereinheitlichen, sondern sich jedes Kind, jeden Schüler individuell anschauen und begegnen.

Manon Garcia. Autorin
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