Wie ein Stock im Wasser

Ein scheinbar gebrochener Stock im Wasser

Wer schon mal einen Stock ins Wasser hielt, weiß, dass sich ein gerader, fester Stock im Wasser so darstellt, als wäre er gebrochen. Holt man diesen wieder heraus sieht man, dass der Stock immer noch gerade ist und das Wasser dem Stock nichts anhaben konnte. Dieses Phänomen sehe ich auch in der Gesellschaft. Es gibt Menschen, die wirken auf andere wie ein gebrochener Stock im Wasser. Sie selbst finden sich gerade und fest. Oder es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass sich Menschen krumm und gebrochen fühlen und von anderen als stark und selbstbewusst wahrgenommen werden. Diese unterschiedliche Wahrnehmung ist oftmals Grund für Konflikte und Differenzen.

Am Beispiel von Hochbegabung verdeutliche ich dieses Phänomen. Hochbegabte werden von Personen oftmals anders gesehen, als sich diese Menschen selber sehen. Und es treten auch immer beide Fälle auf. Natürlich gibt es weitere Gruppen, Minderheiten, Personen und Erlebnisse, die auf dieses Phänomen zutreffen. Verständlicherweise beziehe ich mich hier in diesem Blog auf die Hochbegabung, aber jeder darf es auf sich und seine Situation übertragen und anwenden. Und eine weitere Einschränkung möchte ich gleich noch hinterher schieben. Natürlich bezieht sich das nicht auf alle Hochbegabte!

Hochbegabte fühlen sich wie ein krummer Stock

Als erstes schauen wir uns an, wie es ist, wenn sich ein Hochbegabter wie ein gebrochener Stock im Wasser fühlt, aber von keinem als ein solcher wahrgenommen wird. Es gibt verschiedene Gründe warum ein hochbegabter Mensch an sich zweifeln kann. Einer ist, wie im letzten Beitrag „gefühlte Underachiever sind die neuen Achiever“ geschrieben, dass man Höchstleistungen erbringt, aber trotzdem kritisiert und abgelehnt wird. Nun ist Kritik nicht per se verkehrt, es kann sogar zu Höchstleistungen anspornen, aber dafür müsste die Aufgabe auch eine Herausforderung darstellen. Aber bei der Aufgabe, sich als Hochbegabter der Norm anzupassen, wäre jeder Mensch überfordert. Dieser hochbegabte Mensch, der also denkt, er müsste sich anpassen, kann nur scheitern. Er scheitert also, obwohl er sich die allergrößte Mühe gibt und alle Energien, die er besitzt in diese Aufgabe steckt. Und ich gehe nun von so einem erwachsenen Hochbegabten aus.

Dieser Erwachsene fühlt sich gebrochen. Er tut alles, aber er scheitert permanent. Egal, was er oder sie auch tut, er kommt nicht zum Ziel. Dabei fühlt er sich leer und ausgelaugt. Innen drin, gibt es ein Gefühl, das ganz viel möglich wäre, dass etwas nicht stimmt, das der eingeschlagene Weg der verkehrte ist, aber dieses Gefühlt ist oftmals nicht greifbar und bleibt ein subtiles Gefühl. Diese innere Zerrissenheit wird vielleicht durch enormen Eifer und Tatendrang kompensiert, weshalb sich diese Menschen falsch, schlecht, dumm, nicht passend, ungenügend, am falschen Platz oder einfach wie ein krummen Stock fühlen. Von außen wird jedoch die Energie, die Stärke, der unbändige Wille, die enorme Konzentration, der Hang zum Perfektionismus usw. gesehen und kaum einer würde auf die Idee kommen, dass sich diese Person anders fühlen könnte. Setzt also dieser unzufriedene Erwachsene an, um Hilfe oder Mitgefühl zu bitten, erhält er nicht selten ein spöttisches Gelächter. Die eingeforderte Hilfe wird als Scherz abgetan! Besonders, wenn diese Person neidisch ist auf – aus seiner Sicht – positiven Eigenschaften des Hochbegabten (egal, ob erkannt oder unerkannt) und sich nicht vorstellen kann, dass hinter dieser Stärke eine Unsicherheit steckt.

Diese Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung verstärkt das Gefühl des nicht-verstanden-werdens und die damit einhergehende Unsicherheit. Die fehlende Selbstsicherheit wird durch solche eine Reaktion ebenfalls nicht gestärkt. Und sich selbst kann man nicht von außen betrachten, was die Reaktion des Gegenübers erklären würde.

Hochbegabte fühlen sich stark und selbstsicher

Es gibt auch den umkehrten Fall, dass man sich stark und selbstsicher fühlt, glaubt das Leben im Griff zu haben und sich freut auf dem richtigen Weg zu sein. Kommen dann Kommentare, die einen als krummen Stock wahrnehmen oder unterstellen das Verhalten wäre aufgesetzt oder gespielt, wird die Welt nicht mehr verstanden. Genauso verhält es sich, wenn man sich seiner selbst bewusst ist, man sich selbst vertraut und wertschätzt, sich aber Kommentare und Aussagen anhören muss, dass man arrogant und angeberisch wäre. In allen Fällen wird die Welt nicht mehr verstanden. Und das Sahnehäubchen wird einem dann noch aufgesetzt, wenn Hilfsangebote geäußert werden, die einem helfen sollen, aus dem gebrochenen Stock wieder einen geraden zu machen.

Bei allen Überlegungen über die Reaktion des Gegenüber fehlt der Ansatz. Es gibt keine Erklärung, warum nun genau diese Reaktion kam, man ist sich keiner „Schuld“ bewusst. Die Frage, warum man gesehen wird, wie man gesehen wird, ist unmöglich zu beantworten. Denn dafür müsste man in die betreffende Person hineinschauen können, müsste wissen, welche Erfahrungen gemacht, wie sich die Person fühlt oder welche Baustellen / Verletzungen vorhanden sind.

Kompliziert wird es, wenn die Selbstsicherheit durch die Reaktion von einem selbst in frage gestellt wird, wenn angefangen wird zu zweifeln. Oder wenn diese Selbstsicherheit gerade erst erarbeitet wurde, diese dann nicht sofort wieder einstürzen zu lassen, weil Gegenwind in Form von Unverständnis oder Fehleinschätzung geäußert wurden. Wichtig ist es, dass man sich ein Umfeld schafft, bei dem die einsturzgefährdende Selbstsicherheit gestärkt wird, sodass sie wieder komplett hergestellt werden kann. Dieses Umfeld, besteht es auch nur aus einer Person, ist wichtig, um auf solche Aussagen zu reagieren. Denn es ist ja keine Ausnahme, die einmal in einem Jahrzehnt vorkommt, sondern es ist eher an der Tagesordnung, dass solche Äußerungen getätigt werden.

Fremdwahrnehmung ist und bleibt eine Fremdwahrnehmung

In beiden Fällen ist es wichtig, dass eine Fremdwahrnehmung immer nur eine Fremdwahrnehmung bleibt. Keiner kann in einen hinein schauen. Und jeder Fremdwahrnehmung liegen die persönlichen Empfindungen, Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen, Gefühle des Fremdwahrnehmenden zugrunde. Es ist immer subjektiv und wird von jeder anderen Personen entsprechend anders wahrgenommen. Und eine Fremdwahrnehmung wird nicht wahrer, nur weil sie von mehreren ausgesprochen wird. Eine Fremdwahrnehmung ist deshalb nicht falsch, sondern für die wahrnehmende Person richtig. Aber eben nur für diese Person. Diese Erkenntnis kann helfen die Unterschiede, die Diskrepanz oder gar den Konflikt zu verstehen. Auf keinen Fall sollte es dazu führen, dass die Selbstwahrnehmung aufgrund der Fremdwahrnehmung fallen gelassen oder ersetzt wird.

Was lernen Hochbegabte daraus?

Wer sich selbst in frage stellt und dafür keinen findet, der dieses ähnlich oder ebenso sieht, sollte sich fragen, ob die Stärke nicht vielleicht doch vorhanden und nur nicht deutlich genug sichtbar ist. Es kann überlegt werden, ob der Blick auf einen Selbst verändert werden sollte und wenn ja, in welche Richtung. Denn eine Fremdwahrnehmung kann einem eine Richtung vorgeben. Es könnte versucht werden die Diskrepanz zu verringern, indem man bei sich mehr auf die vorhanden Stärken schaut und weniger auf das, was nicht geht. Und wer sich wie in einem Hamsterrad fühlt, der könnte aus diesem heraustreten. Sein eigenes Ziel verfolgen und bei Zweifeln sich der positiven Fremdwahrnehmung annehmen.

Wer auf sich stolz ist und ins Zweifeln gerät, weil die Fremdwahrnehmung anderer Personen so gar nicht mit der Selbstwahrnehmung übereinstimmen, sollte sich nicht kirre machen lassen. Wer sich, sein Denken und sein Verhalten regelmäßig hinterfragt und reflektiert, der sollte stolz sein und dieses auch bleiben. Denn bei einer regelmäßigen Überprüfung des Selbst, kann keiner nicht falsch liegen. Anhören kann und darf sich jeder die Fremdwahrnehmungen, aber es sollte nicht zu viel Energie ins Verstehen der anderen Meinung investiert werden. Denn es braucht genügend Energien, um denen eigenen Weg konsequent zu verfolgen, besonders dann, wenn man glaubt auf dem richtigen Weg zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich allen die richtige Entscheidung für sich selbst!

 

p. s.

Neu, neu, neu, sind die Spendenmöglichkeiten mit flattr und paypal. Bei beiden Möglichkeiten muss man auf der Plattform angemeldet sein. Und denkt bitte daran, Weihnachten ist bald und mit euren Spenden würde ich mir gern ein schönes Weihnachtsgeschenk machen. Ich sage extra nicht, was ich mir schenken möchte, nicht, dass ich euch ausversehen in eurer Spendierfreudigkeit hemme. Nein, nein. Ich werde nun minütlich auf meine jeweiligen Konten schauen und ausrechnen, wie viel Prozent von euch bereits eingezahlt wurden. 🙂




3 Replies to “Wie ein Stock im Wasser”

  1. Pingback: Sonntagsgedanken | Am letzten Sommersonntag. | Frau von Wunderlich

  2. Oder man schwankt zwischen beiden hin und her. Fühlt sich mal klein, dann übertreibt man bei seinen Leistungen – es fehlen einfach die Maßstäbe- wann ist etwas gut, wann Angeberei. Ist es vielleicht gar keine Übertreibung – fehlt nur das Gespür?

    • Woran bemisst du das Kleinsein? Wer sagt, dass du übertreibst? Woher kommen die Vergleichswerte?
      Glaubst du auch, dass du übertreibst?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*