Hochbegabung: Gefühle aushalten und nicht davonlaufen

Oriah Moutain Dreamer

Ausgehend von einem sehr schönen Text von Oriah Mountain Dreamer (einer indianischen Heilerin aus Kanada) möchte ich auf dieses Thema eingehen. Es ist sehr wichtig und wie mir scheint, wird es immer wichtiger.

Textauszug von Oriah Moutain Dreamer:
….
Ich möchte wissen, ob du mit dem Schmerz – meinem oder deinem – da sitzen kannst, ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern oder ihn zu beseitigen.

Gefühle annehmen

Ich beobachte immer mehr, dass Menschen die Gefühle von anderen nicht aushalten und sie versuchen zu beseitigen. Das ist schade, weil mit diesen Menschen nicht mehr über die Situation gesprochen werden kann, sondern es darum geht, dass mein Gegenüber etwas „beseitigen“ will, was ich aber benötige und genieße. Ich lernte in den letzten Jahren meine Gefühle aushalten, sogar zu lieben. Ich freue mich darüber und möchte nicht, dass sie „beseitigt“ werden. Zumal ich dann in dem Gespräch nicht mehr bei meinem angeschnittenem Thema bin, sondern wir unterhalten uns über das Beseitigen. Mein Gegenüber möchte meine Gefühle beseitigen und ich entgegne, dass ich die Aktionen zur Beseitigung nicht möchte. Ich versuche also mir entgegen gebrachte Vor-Schläge, Rat-Schläge zu entkräften, was mein Gegenüber dann umso mehr dazu veranlasst mich von den Gefühlen wegzuholen. Anscheinend ist das für sie das Zeichen, ich wäre schon gefangen und eingenommen von den Gefühlen, könnte mich nicht mehr wehren, wieso sonst nehme ich diese „Schläge“ nicht an?

Gefühle begrüßen und willkommen heißen

Dabei bedauere ich, dass sich auch dieses Gespräch in eine Richtung entwickelt hat, die ich nicht mag. Es geht nicht um das Thema, um die Sache, sondern ums „Beseitigen“, „Mindern“ oder „Verbergen“. Was passiert mit der Gesellschaft, wenn immer weniger Menschen in der Lage sind ihre Gefühle auszuhalten? Wenn sie nicht in der Lage sind ihre Gefühle wertzuschätzen? Das Leben ist viel erfüllender, wenn man nicht mehr vor seinen Gefühlen davonlaufen muss. Wenn man sitzen bleiben kann, wenn sich Gefühle an den Tisch setzen. Wenn man sie freundlich begrüßt, sich mit ihnen auseinandersetzt, mit ihnen diskutiert und nach jedem Gespräch etwas mitnimmt. Gefühle sagen einem so viel und wer in der glücklichen Lage ist ihnen zuzuhören, wird jedes Mal stärker. Denn wer seine Gefühle wertschätzt und respektiert, der baut sich von innen her auf. Wer dieses aushält, der ist jeder anderen Situation gewachsen.

Vor den eigenen Gefühlen davonlaufen

Aber wer seinen Gefühlen davonlaufen muss, der steht noch ganz am Anfang. Und manche werden nie den ersten Schritt tun können und deshalb ein Leben leben, in dem sie immer auf der Flucht sind. Vor sich und ihren Gefühlen. Diese Menschen glauben: Wer stehen bleibt, wird eingeholt, also heißt es keine Pause, kein Stillstand, keine Entspannung, keine Ruhe, kein In-sich-hineinhorchen, kein Auf-sich-hören, denn dafür müsste man die Gefühle annehmen können. Aber, wie auf jeder Flucht, wird früher oder später die Kraft für die Flucht ausgehen. Dieser Zustand ist aber verheerend, denn dann ist man den Gefühlen plötzlich ausgeliefert, weil man sich nicht vorbereiten konnte, weil sie nicht langsam angenommen werden konnten, weil keine stetige Annäherung stattfand. Wer so von seinen Gefühlen eingefangen wird, wird unter Umständen verhängnisvolle Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die auf diese Notsituation fussten, und in der Lage auch als einzige Lösung schienen. Damit diese Situation nicht eintritt, wäre eine rechtzeitige und langsame Annäherung wichtig.

Reaktionen des Körpers unvermeidlich

Manchmal lässt der Körper gar nicht zu, dass man so lange auf der Flucht ist. Denn der Körper „schickt“ dann Schmerzen: Fuß-, Rücken-, Kopf- oder sonstige Schmerzen. Schmerzen, die uns daran hindern davon zu laufen, und dazu zwingen eine Pause einzulegen. Aber die ist dann ebenso unfreiwillig, wie am Ende der Flucht, wenn die Gefühle das Rennen gewonnen haben, wenn wir schwach, kraftlos und nahezu willenlos am Boden liegen und die Gefühle über uns überheblich lächeln. Diese Situation ist zum An-sich-gewöhnen, genauso schlecht, wie die Situation, wenn uns der Körper zu einer Zwangspause zwingt. Schmerzen schwächen uns und lassen uns nicht auf Augenhöhe mit den Gefühlen begegnen. Das bestärkt die Angst vor den Gefühlen, die dann von oben auf uns herabblicken. Auch wenn diese nicht böse blicken, sieht es aus der Froschperspektive immer bedrohlich aus und bestärkt die Angst.

Befriedigendes und bewusstes Leben mit Gefühlen

Deshalb ist es wichtig, dass jeder versucht sich aktiv und willentlich seinen Gefühlen zu stellen. Wer es schafft diese Stück für Stück anzunehmen, wird sehen, wie leer, unbefriedigend und unbewusst das alte Leben war und wie belebend, intensiv und erfüllend das neue Leben mit den Gefühlen ist. Es ist ein Bund, der im Leben eingegangen werden sollte. Der wird dann auch feststellen, wie bereichernd Gespräche sind, die dann wirklich nur noch um die Themen und Inhalte gehen. Es öffnen sich völlig neue Sphären und Welten, die es dann gilt zu entdecken.

Ich wünsche allen viel Kraft und Erfolg auf ihrem Weg!

Eure,

Manon

4 Replies to “Hochbegabung: Gefühle aushalten und nicht davonlaufen”

  1. Liebe Manon,

    vielen herzlichen Dank für diesen schönen Artikel – er hat mir gerade Trost gespendet.

    Ich sitze gerade reizüberflutet in einem Sessel und habe bei Google – warum auch immer – nach „Hochsensibilität + Flucht“ gesucht – und bin auf deinen – wie ich finde – sehr wertvollen Artikel gestoßen. Danke.

    Es bestätigt mich darin, in diesen schwierigen Phasen mir und meinen Gefühlen trauen zu dürfen – vor allem: mein Körper reagiert ganz normal in dieser Situation. Es darf so sein – ich darf es geschehen lassen. Wenn man geweint hat und alles zugelassen hat, entspannt sich auch wieder alles. Die Gefühle akzeptieren.

    Ich habe dazu sogar ein Gedicht geschrieben – passt gerade irgendwie:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/06/03/traffic-jam-on-the-feelings-highway/

    Liebe Grüße,
    Julia

  2. Hi Manon,

    mir gefällt dein Text sehr gut. Allerdings frage ich mich immer noch, was es heißt seine Gefühle aushalten zu können. Ich nehme meine zum Beispiel durchaus wahr und ernst. Ich lebe sie auch: das heißt ich weine, wenn ich es brauche. Aber ich bin fürchterlich schlecht darin anzunehmen, dass es mir nicht gut geht und nichts zu tun, nicht sofort ins Handeln zu verfallen. Aber manchmal lässt sich gerade nichts Wesentliches an einer Situation verändern oder es wäre erforderlich die schlechten Gefühle auch längere Zeit auszuhalten, damit man nicht die falsche Entscheidung trifft – um die Gefühle nicht ertragen zu müssen. Nur wie mache ich das?

    • Hallo Julia,

      natürlich kann ich hier keine detaillierte Antwort auf deine Frage geben. Dafür bedarf es wesentlich mehr Informationen.
      Aber du könntest dich fragen, was an den schlechten Gefühlen so schlecht ist. Was ist es genau, vor dem du davonläufst? Wer immer vor seinen Gefühlen davonlief, wird sich nicht mal eben hinstellen können und sie ab sofort aushalten. Es reicht schon, wenn du dir vornimmst, dass du die Situation aushalten möchtest, dass du dir vornimmst, zu schauen, was sich meldet. In solchen Situationen, wenn wir in der Lage sind, sie auszuhalten und genau hinzuschauen, lernen wir ganz viel. Es melden sich Glaubenssätze, Gefühle, die hinter den vordergründigen Gefühlen stehen, Gedanken, Erinnerungen. Und wenn du es schaffst zu schauen, was sich meldet, wirst du sehen, was dich beschäftigt. Dann kannst du mit diesen und an diesen Dingen arbeiten.

      Vielleicht wäre es gut, wenn du dir meinen aktuellen Ratgeber „Hochbegabt oder hochsensibel – Das Anderssein leben“ besorgst. Denn das ist eine Anleitung fürs Selbstcoaching für mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstliebe. Aber natürlich wird auch thematisiert, wie man sich seinen Gefühlen stellt, wie man sich wahrnimmt, sich wertschätzt usw. In dem Buch wirst du langsam geführt, was hier in einem Blogbeitrag nicht möglich ist.

      Viele Grüße
      Manon

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