Kapitel 1.4.

1. Rund um den IQ-Test – ein Erfahrungsbericht

1.4. Der Test verändert den Menschen nicht

Hochbegabung bringt Vorteile mit sich – so heißt es. Aus diesem Grunde hatte sie nach Möglichkeiten gesucht, sich auszutauschen, z. B. durch Kontakte zu Gleichgesinnten, zu Hochbegabtenvereinen und zu Coaches, die auf Hochbegabung spezialisiert waren. Es gab nur ein Buch für hochbegabte Erwachsene oder Späterkannte, also las sie Bücher über hochbegabte Kinder und Jugendliche. Ebenso Bücher, die sich allgemein mit dem Thema beschäftigten, beispielsweise „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller. Die Autorin spricht die Hochbegabung nicht direkt an, doch ihre Bücher handeln von Problemen, die Begabte haben können.

Ihr Erfahrungsschatz und das Wissen wuchsen in kleinen Schritten, sie kam voran. Sie kannte ihre Fragen und konnte gezielt auf die Suche nach Antworten gehen. Von Gleichgesinnten erfuhr sie, wie andere mit ihrer Hochbegabung und der späten Erkenntnis umgingen. Allerdings beschränkte sich die Information meist darauf, dass sie am selben Punkt standen wie sie, also im luftleeren Raum. Für sie war es zu diesem Zeitpunkt wichtig zu wissen, dass sie nicht die Einzige war, die mit ihrem Testergebnis schlecht zurechtkam. Alles, was sie jemals unternommen, gedacht, gesagt hatte, stellte sich nach dem Test ganz anders dar. Allein die Tatsache, dass sie nicht dumm, sondern anders war, gab ihr das Gefühl, doch zu dieser Gesellschaft zu gehören.

Das Wissen um die Hochbegabung veränderte ihr Leben. Es musste nicht unbedingt an ihr liegen, wenn sie jemanden nicht verstand. Missverständnisse oder Kommunikationsprobleme konnten ihre Ursache auch in der unterschiedlichen Denkweise haben. Die Wertung veränderte sich. Aus „Ich bin dumm“ wurde „Ich bin anders“, und sie suchte den Fehler nicht mehr nur bei sich. Sie ging nun anders mit sich um, hinterfragte sich und ihre Denkweise. Verstand sie etwas nicht, dann ging sie jeden Gedankenschritt durch, analysierte, wo sie den Anschluss verloren hatte, und was sie ändern musste, damit sie verstehen konnte. Danach entschied sie, ob sie überhaupt etwas ändern wollte. Ihr Gesamtbild verschob sich, sie musste ihr Leben neu zusammenfügen.

Sie hatte Kontakt zu drei Coaches. Bei jedem lernte sie lediglich einen oder zwei Aspekte der Hochbegabung. Aber diese Aspekte halfen ihr, ihre Unsicherheit und Sicht auf die Dinge neu zu strukturieren. Sie erfuhr, dass Hochbegabte nicht gerne in Schubladen denken oder gesteckt werden. Dass ausgerechnet ihre hochbegabten Coaches in solchen dachten, erschreckte sie. Deswegen nahm sie mit, was sie mitnehmen konnte, und ging den weiteren Weg allein, denn ihr wurde klar, dass sie ihn selbst finden musste. Es gab immer wieder Menschen, die sie ein Stück weit begleiteten, aber im Grunde genommen war und ist es ein einsamer Weg. Das bedeutet nicht, dass man keinen Partner oder Familie hat, sondern es bezieht sich auf die Frage: „Wer bin ich eigentlich?“. Bei dieser Erkenntnis kann einem niemand helfen. Nur wer sich selber liebt und akzeptiert, kann von anderen geliebt werden oder andere lieben.

Sie wollte bewährte Systeme nicht auf sich anwenden, ohne sie zu hinterfragen, zumal diese Systeme nicht unbedingt für und an Hochbegabten erprobt worden waren. Der Gedanke, dass sie ihren eigenen Weg gehen musste, gefiel ihr von Tag zu Tag besser. Sie wurde in einer Weise gefordert, die sie nicht kannte. In ihrem „alten“ Leben hatte sie versucht, in einem System für Normalbegabte zurechtzukommen, und wandte entsprechend die Regeln und Normen dieses Systems an. Sie bediente sich nicht ihrer eigenen Normen und Werte, weil diese in dem System nicht verstanden wurden. Sie freute sich jetzt auf Ideen, die hoffentlich bald strömen würden. Sollte sie ihre Kreativitätsquelle erst einmal entdeckt haben, würde diese nicht mehr versiegen. Besagte Quelle zu finden war wie ein Abenteuer, auf das sie sich ungemein freute.

Sie betrachtete jede Information genau und zerlegte sie in ihre Einzelteile. So kristallisierte sich ein geeigneter Weg heraus. Trotzdem wäre sie dankbar gewesen, wenn sich bei ihr ein Zauberer gemeldet und ihr alles erklärt hätte: die Zusammenhänge der Hochbegabung, Antworten und Tipps fürs Leben. Saß sie mal wieder allein und traurig da, stellte sie fest, dass sie etwas erwartete, was ihr keiner geben konnte. Ihr Leben musste sie selbst gestalten, das konnte sonst keiner für sie tun. Warum erhoffte sie von der Gesellschaft, dass sie eine Lösung für sie fand? Sie war doch in der Vergangenheit mit diesen Lösungen nie zufrieden gewesen. Immer hatte sie Einwände, immer gab es Kleinigkeiten, die sie so nicht stehen lassen wollte, oder ihr gefiel die Art der Herangehensweise nicht. Dass sie allein einen Weg finden musste, ließ sie aber auch erwartungsfroh in die Zukunft blicken. Sie war neugierig auf das, was kommen würde. Sie ganz allein war für sich verantwortlich! Sobald sie wieder nach Hilfe schrie, wusste sie, dass sie ein altes Muster bediente. Sie wollte, dass ihr jemand sagte, was man machen sollte, aber sie war nicht man, sondern sie war ich.

Diese Herangehensweise kann einerseits verunsichern, macht andererseits jedoch stark. So wusste sie, dass sie eine individuelle Lösung stricken konnte und diese wie angegossen sitzen würde. Denn es waren dann ihre Lösungen für ihre Probleme.

In dieser dritten Phase, die jemand durchlebt, der seine Hochbegabung spät entdeckt, werden Lösungen für sich gefunden. Informationen, die sie bei ihrer Recherche zur Hochbegabung gesammelt hatte, waren interessant, aber sie spürte, dass sie weiter ausholen musste. Ihr Umfeld hatte sie ihr Leben lang behandelt, als wäre sie eine von ihnen. Aber sie war nun mal anders, und das führte zwangsläufig zu Problemen und Schwierigkeiten. Familie und Freunde wollten ihr Bestes, sie handelten nach bestem Wissen und Gewissen. Doch ihre Entwicklung als erkannte Hochbegabte wäre eine andere gewesen. Was passiert, wenn ein Kind nicht so akzeptiert wird, wie es ist? Das Kind soll Dinge leisten, die es nicht zu leisten imstande ist. An der Aufgabe, „wie die anderen zu sein“, muss ein hochbegabtes Kind zwangsläufig scheitern. Das Kind soll sich an eine Norm anpassen. Meistens ist es so, dass das Kind sich anstrengen kann, wie es will, und es wird die Norm doch nicht erfüllen können. Das Kind ist von Anfang an überfordert mit sich und der Situation. Diese Überforderung führt zu bestimmten Handlungen und Verhaltensweisen, zu Fehlverhalten. Was aber passiert, wenn die Gesellschaft ein Fehlverhalten sieht? Das Kind ist nicht nur überfordert, sondern wird auch noch gemaßregelt. Nach der Ursache des Fehlverhaltens wird kaum gesucht, sodass weiterhin am falschen Ende angesetzt wird. Die Verhaltensweisen und Handlungen sind ein Schutz des Kindes. Das Umfeld will dieses Verhalten ändern – würde aber damit den Schutz des Kindes entfernen. Das ist ein Teufelskreis. Als ihr diese Zusammenhänge deutlich wurden, ging sie auf die Suche und kam zum weiten Feld der Sozialisierung.

Eine Sozialisierung erfolgt durch das Umfeld und beeinflusst jeden Menschen. Es wurde für sie immer deutlicher, dass sie ihre Hochbegabung und sich selbst erst dann vollends akzeptieren könnte, wenn sie zu ihren Anfängen zurückging. Sie wollte begreifen, welche Muster und Strukturen sie angenommen hatte, die eine Reaktion auf ihr Umfeld waren und nicht ihrem Urinstinkt entsprachen. In der Auseinandersetzung mit diesem Thema begriff sie, wie sie funktionierte und an welchen Schrauben sie drehen musste, um ihren Weg zu sich weitergehen zu können.

In dieser Phase beschäftigte sie sich mit ihrem Umfeld. Sie schaute, wer welchen Zugang hatte und sie in welchem Maße prägte. Immer wieder ging sie Erinnerungen nach, überlegte, wie „man“ hätte reagieren können, wie sie diese Kommunikation beeinflusst hatte und was gewesen wäre, wenn … Das „Was-wäre-wenn“-Spielchen ging sie in Gedanken des Öfteren durch. Sie war abwechselnd eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, Schauspielerin, Journalistin, Detektivin und Profifußballerin. Was wäre aus ihrem Leben geworden, wenn sie als hochbegabt erkannt worden wäre? Diese Trauerphase gehört zum Entwicklungsprozess. Denn ohne die Trauer können das Alte nicht abgeschlossen und das Neue nicht mit frischer Energie in Angriff genommen werden.