1.2 Schubladendenken

 
Buchcover vom Ratgeber: Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben von Manon Garcia

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Schubladendenken


Schubladendenken haben Sie sicherlich schon mal erlebt. Sei es, dass Sie jemanden in eine Schublade steckten oder selber in eine gesteckt wurden. Das ist nicht immer angenehm oder passend. Das Problem ist nicht das Einsortieren an sich, sondern die Eigenschaften, die einer Person in einer Schublade zugewiesen werden. Das kann zum Problem werden, wenn diese Zuweisungen nicht stimmen, aber darauf gepocht wird, da man nun mal in dieser Schublade steckt.

Dieses Schubladendenken bzw. Stereotypdenken ist weitverbreitet. Welche Eigenschaften würden Sie zum Beispiel einem typischen Bayern zuordnen? Welche einer blonden Frau im knappen Minirock? Welche einem Beamten im mittleren Alter? Welche einem Franzosen? Oder spezifischer: Wie ist es mit Frauen und Autofahren? Mit Männern als Hebamme? Es geht nicht darum, ob diese Zuschreibungen stimmen. Sondern darum, dass ein Automatismus abläuft. Es ist schwer, sich davon zu trennen. Mancher Impuls lässt sich erst beiseiteschieben, wenn er gedacht wurde. Wurden einer Person bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, meist unbewusst, ist jedoch das Verhalten gegenüber dieser Person nicht mehr unvoreingenommen und neutral. Es ist bereits eingefärbt. Im persönlichen Kontakt wird unbewusst nach Aspekten gesucht, die die Zuschreibungen bestätigen – und wer diese Bestätigungen sucht, findet sie auch.

Wer einer stigmatisierten Gruppe zugeordnet wird, stößt im Umgang mit anderen Menschen meist auf eine vorgefertigte Meinung. Diese wird kaum revidiert, weil der andere nicht schaut, wie man wirklich ist, sondern ob die vorgefertigte Meinung bestätigt wird. Dieser Mechanismus findet sich in allen Bereichen des Lebens und beschränkt sich nicht auf Hochbegabung oder Hochsensibilität: Er betrifft Gläubige, Ausländer, Moslems, fußballspielende Frauen, Mädchen, die Mathematik lieben, mit Puppen spielende Jungen, Jungen in Kleidern, Homosexuelle, Alte …

Zwei stigmatisierte Gruppen sind hochbegabte und hochsensible Menschen. Wenn Sie sagen, dass Sie hochbegabt bzw. hochsensibel sind, oder wenn Ihr Umfeld es mitbekommt, werden Sie einsortiert, mit bestimmten Eigenschaften etikettiert und bewertet. Das Abweichende, das Anderssein wird abgelehnt. Das geschieht unabhängig von der Person, nur aufgrund des Verhaltens und von Eigenschaften. Es bezieht sich nicht auf Sie persönlich, aber in dem Moment richtet es sich gegen Sie.

Manche schließen sich einer Gruppe an und werten andere Gruppen ab, um sich selbst aufzuwerten. Jegliches Verhalten oder alle Eigenschaften, die nicht in die eigene Gruppe passen, werden dann abgelehnt. Das geschieht offen oder subtil. Oftmals ist einem das gar nicht bewusst. Manches ist automatisiert, man denkt nicht weiter darüber nach. Dazu gehört die Gegenreaktion. Wird jemand abgelehnt, weil er/sie anders ist oder bestimmte Eigenschaften hat, wächst seine/ihre Ablehnung gegen die Ablehnung. Und damit gegen die Gruppe der Person, die ihn/sie ablehnt.

Stigmatisierung bedeutet nicht immer eine Abwertung, Personen können aufgewertet werden, wenn sie Teil einer bestimmten Gruppe sind – beispielsweise die deutsche Fußballnationalmannschaft mit ihrem Sommermärchen und der gewonnenen Weltmeisterschaft in Brasilien. Da war ganz Deutschland „Fußball“. Anderssein hat auch nicht immer eine Ausgrenzung oder Abwertung zur Folge, es kommt auf das Umfeld an, darauf, wie es mit dem Anderssein umgeht. Nicht alle Hochbegabte oder Hochsensible erleben diese Stigmatisierung bzw. nehmen diese wahr.

Um dieser Stigmatisierung und der damit verbundenen Abwertung zu entgehen bzw. um dazuzugehören, verstecken, verheimlichen und verleumden manche hochbegabte oder hochsensible Menschen ihre Andersartigkeit bzw. ihr Anderssein. Bei manchen geht es so weit, dass sie eigene Gruppenmitglieder, also in dem Fall andere Hochbegabte oder Hochsensible, öffentlich abwerten. Der Druck des Ausgrenzens ist enorm und nicht jeder hält ihm stand. Das ist menschlich. So schreiben Schülerinnen und Schüler schlechtere Arbeiten, geben bewusst falsche Antworten oder verheimlichen ihr Wissen bzw. ihr Empfinden. Nur, um sich dem Druck und der Stigmatisierung zu entziehen und um dazuzugehören.

Glücklich kann sich schätzen, wer Leistungen oder Handlungen zeigt, die von der Gruppe anerkannt werden. Wie zum Beispiel Fußballspielen, sich gegen den Lehrer aufspielen, sich gegen Autoritätspersonen widersetzen usw. Das erhöht das Ansehen, sodass das Anderssein hingenommen wird. Nicht selten geben hochbegabte Schülerinnen und Schüler den Klassenclown.

Das Verhalten der ausgrenzenden Gruppe ist nicht verwunderlich. Denn Erziehung zielt darauf ab, sich anzupassen, nicht aufzufallen, sich so zu verhalten, wie es gewünscht wird. Konformes Verhalten wird belohnt und gelobt, sodass sich die Kinder entsprechend verhalten und ihre Identität entwickeln. Demnach ist es eine ganz logische Folge, dass alle, die anders sind, sich anpassen sollen. Und wer das nicht macht, wird ausgeschlossen.

Hochbegabte oder hochsensible Kinder sind ebenso durch diese Erziehung und diese Ansichten geprägt. Kinder glauben den Erwachsenen, und wenn Mutter, Vater, Erzieher, Lehrerin sagen, dass es richtig ist, ein anderes Verhalten zu zeigen, und das Kind dafür belohnt wird, entwickelt sich seine Identität in diese Richtung. Es ist schwierig auseinanderzuhalten, welche Ansichten und Muster aus der Erziehung und Sozialisation stammen und welche die ureigensten sind. Das für sich herauszufinden ist keine leichte Aufgabe.

Dass Menschen eingeteilt werden und mit der Stigmatisierung, der Abwertung sowie den Zuschreibungen von bestimmten Eigenschaften leben und aufwachsen, geht nicht spurlos an ihnen vorbei. Nicht selten bleiben hässliche Narben, die irgendwann offen in Form von Krankheiten zutage treten. Wer von Krankheiten verschont bleibt, hat sein Verhalten entweder bewusst oder unbewusst angepasst. Das Anpassen ist so lange kein Problem, wie es der Person nicht schadet. Ob es einem schadet, wird manchmal erst später erkannt. Falls einem bewusst wird, dass das eigene Verhalten nicht stimmig ist, beginnt der Änderungsprozess mit vielen Fragen – wieso das Verhalten angenommen wurde und wie es geändert werden kann.

Diese Einteilung und Zuschreibung ist gängig, aber bei Weitem nicht jedem bewusst. Es ist für jede und jeden schwer, sich dem zu entziehen. Eine Ausgrenzung fällt umso mehr ins Gewicht, wenn man nicht sehr selbstbewusst ist. Wenn man an sich zweifelt und ausgegrenzt wird oder einem falsche Eigenschaften zugeschrieben werden, kann man seinen Selbstwert nicht heben, das wäre ein Kampf an zwei Fronten. Beides zusammen geht nicht. Will man sich von Stigmatisierung nicht mehr negativ beeinflussen lassen, muss man zuerst seinen Selbstwert anheben.

 

Abriss

Mit dem Schubladen- und Stereotypdenken schreiben Sie Eigenschaften zu, die selten passen. Dieser Mechanismus ist hartnäckig, weshalb ein entspannterer Umgang mit diesem Denken am wirkungsvollsten ist.


Dieses Kapitel ist aus dem Ratgeber „Hochbegabt oder hochsensibel – Das Anderssein leben“ eine Anleitung zum Selbstcoaching für mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstliebe.

Eure, Manon García

Manon Garcia - Autorin und Coach

Diplom-Ingenieurin Manon Garcia arbeitet als Autorin und Coach. Seit Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der (spät erkannten) Hochbegabung, der Hochsensibilität und dem Anderssein. Aktuelle Informationen finden Sie auf ihrer Website: www.manongarcia.de. Aktuelle Ratgeber zu den Themen: - Hochbegabung bei Erwachsenen - Hochbegabt oder hochsensibel - Das Anderssein leben.

  2 Responses to “1.2 Schubladendenken”

  1. Hallo Manon,

    vielen Dank für diesen sehr wertvollen Beitrag.

    Kannst du mir eine Frage beantworten? Warum wird das Schubladendenken immer negativ bewertet?

    Ich selbst habe mich selbst in eine Schublade gesteckt… Wie ein Chamäleon in der Schublade:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/09/05/das-chamaeleon-in-der-schublade/

    Ich persönlich finde es ganz natürlich, Menschen irgendwie in sein Ordnungssystem einzuordnen und irgendwie zu kategorisieren. Natürlich sehe ich den Menschen auch als Ganzes – aber manchmal ist es sogar hilfreich, solche Schubladen als Ordnungskriterium zu haben.

    Viele liebe Grüße,
    Julia

    • Liebe Julia,

      was genau ist denn „natürlich“ daran, Menschen in Schubladen zu stecken? Und geht es dir darum andere oder dich in Schubladen zu stecken? Denn das ist ein himmelweiter Unterschied, wie ich finde.

      Du schreibst, dass du andere einordnen und kategorisieren möchtest. Wofür? Und geht das überhaupt? Und für wie lange bleiben diese dann in diesen Schubladen? Wird diese Entscheidung überprüft und kann diese Überprüfung dann noch neutral, sachlich und objektiv geschehen?

      Können wir Menschen, die individuell sind überhaupt in Schubladen stecken? Und wofür ist das Kategorisieren gut? Was will ich erreichen, wenn ich kategorisiere?

      Ist das Schubladendenken nicht genau das, wogegen sich so viele Menschen – gerade die Andersseienden – wehren? Ein Beispiel: Schule. Dort wird auch kategorisiert und entsprechend unterrichtet. Ist es gut? Geht es nicht sogar an der Individualität des einzelnen Menschen vorbei?

      Wie kann ich einen Menschen einem Ordnungssystem zuordnen und den Menschen trotzdem als Ganzes sehen? Werden dann nur Teile des Menschen in die Schubladen gesteckt? Und was passiert, wenn es kein Ordnungssystem oder keine Kategorie für bestimmte Eigenschaften existieren? Wird es dann passend gemacht? Und warum?

      Die Frage, die sich mir stellt, ist, warum Menschen sich oder andere in Schubladen stecken. Ist es, wenn es einen selbst betrifft, eine vorübergehende Schublade, um sich oder Situationen zu verstehen? Und wird die Schublade dann wieder verlassen, dann sehe ich nichts negatives an den Schubladen. Ansonsten frage ich mich halt, warum? Wenn ich Menschen so sehe, wie sie sind – ohne zu kategorisieren – kann ich ihnen unvoreingenommen begegnen. Denn der Nachteil bei Schubladen – besonders wenn sie bei anderen angewendet werden – ist, dass die Schubladen bestimmte Eigenschaften beinhalten, die mitunter nicht zutreffen, aber trotzdem zugeordnet werden, weil die Person ja in der Schublade steckt.

      Stecke ich aber die Person gar nicht erst in eine Schublade, begegne ich ihr unvoreingenommen und könnte mich an dem erfreuen, was ich entdecke. Ohne Unterstellungen, Interpretationen, Ordnungssystem, Kategorien sehe ich den Menschen, der vor mir steht. Allerdings gibt es viele, die Angst davor haben, weil sie nicht wissen, was zum Vorschein kommt. Hier ist – mMn – das Selbstbewusstsein ein wichtiger Baustein. Ruhe ich in mir, bin ich stark, weiß ich wer ich bin und kann, aber auch, was ich nicht bin und kann, dann gehe ich offen mit Neuem um. Bin ich aber ohne Selbstbewusstsein dann brauche ich unter Umständen das Kategorisieren, um mich festzuhalten, an diesem Ordnungssystem. Dieses Ordnungssystem gibt Halt „Ah so, das ist eine Schublade xy. dann weiß ich Bescheid.“ Und schon ist man sicher. Aber funktioniert das Leben, der Mensch so? Hinein in eine Schublade und alles ist klar?

      Und wurde schon mal ausprobiert ohne diesem Schubladendenken auszukommen? Was ist passiert? In welcher Situation? Wie war die Reaktion? Was war anders? Das wäre doch spannend. Was passiert denn, wenn ich versuche auf das Schubladendenken zu verzichten?

      Liebe Grüße

      Manon

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